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Bei Müller sein Matthias

Kammerpreismünze? Best of Gold? Jeder dritte bekommt den ersten Platz? 200000 Goldmünzen are ready, with a million more well on the way? Bruder lass. Heute ist 2025. Wir leben in einer modernen Welt, wo Handwerk geehrt wird und Winzer das bekommen, was sie brauchen, verdienen und haben wollen. Kammerpreismünzen, Mundus Vini, Best of Gold; die gibt es alle nur noch im Supermarkt, bei Süß&Fruchtig, Maybach und Erben Spätlese. Gute Winzer haben das nicht, gute Winzer sind Selbstläufer. In einer perfekten Welt zumindest.

Im September (am 01.09.2025) war ich beim Weingut Matthias Müller. Wein trinken natürlich, und die Weinberge begutachten und fachmännisch auf Arbeitssicherheit prüfen. Mit Johannes Müller habe ich mir den Bopparder Hamm angeschaut, Schiffe über den Rhein ziehen gesehen und über Ex-Chefs gegossipt. Also all die Sachen, die ich am besten kann: Weinberge anschauen, auf Touris herabschauen, und eiskalt ablästern. Sagt es nicht weiter!

Die ganze Geschichte beginnt auf der Prowein, mit meinem Kumpel Daniel und einem einsamen Stand kurz vor Ladenschluss. An einem Dienstag, um piepapo 17 Uhr. Einen der Weine kannte ich schon, – das ‚Feuerlay‘ GG, – hatte allerdings das starke Bedürfnis mich weiter mit den Müllers auseinanderzusetzen. Also ran da, belästigen wir den Dude, der sich da so einsam die Beine in den Bauch steht, einfach mal. Zu probieren gab es alles von Gutswein über GG bis zur Beerenauslese. Alles fein, alles top Zeug. Aber vom Mittelrhein, also ein automatischer Verlierer. Die kleinste Region Deutschlands ist zu unbekannt für die Spitze dieses Landes, ganz zu schweigen von der Welt. Deswegen brauchen wir Kammerpreismünzen, Best of Gold und den Hessischen Spundekäs-Wettbewerb. 

Ein einsamer Schankwirt 🙁

Der Mittelrhein?!

Ja, der Mittelrhein, oder viel eher das Mittelrheintal. Alles von Bonn-Königswinter und dem Bergischen Land bis nach Bingen, und angrenzend an den tausendfach bekannteren Rheingau. Nachbar des Mittelrheins ist daneben natürlich noch die Mosel, ab Koblenz, ein weiterer Showstealer. Dann noch mickrige 400 Hektar und das Essen ist fertig, das Restaurant aber noch leer.

Bekannte Winzer sind hier rar gesäht; aus den Untiefen meines Bewusstseins konnte ich vor meiner Reise maximal drei Produzenzen heraus kramen, die ich überhaupt bei Namen nennen konnte: das Bacharacher Weingut Jochen Ratzenberger und das klitzekleine Steillagen Weingut Hainbusch aus Kaub, und Mattias Müller aus Boppard. Das wars. Mehr kommt aus dieser Region gefühlt nicht heraus, der VDP hat hier auch nur vier Mitglieder und ist damit der kleinste der elf Regionalverbände. Ja, kleiner als Sachsen und Saale-Unstrut.

Naja, seis drum, wenn der Wein schmeckt. Aber da muss mehr passieren, da müssen mehr News rausschwimmen. Der Mittelrhein hat doch enorme Pluspunkte und Touristenattraktionen, Gründe ihn unbedingt mal zu besuchen. Zum Beispiel die nördlichsten Weinberge des Rheins in Königswinter, oder die Lorelay, oder… oder… ja. Die Städte sind schön, beschaulich, aber auf der Durchreise wirkt vieles verlassen, unbesucht und geisterhaft. Als wären die Tage des Massentourismus, mit Ausnahme von einem oder zwei Kreuzfahrtschiffen pro Tag, schon lang vorbei. Die Promenaden der Rheinufer Städte zeugen zumindest von ehemaligem Reisebustourismus, die sind nämlich ähnlich übertrieben wie an der Mosel. Ich meine, wtf, wer dachte, dass Boppard, eine Stadt die gefühlt mitten im Nirgendwo liegt, so eine Bonzenfassade braucht? Und eine Seilbahn?!

Aber mal ehrlich zugegeben, ein schönes Ausflugsziel ist der Mittelrhein schon, allein wenn es nur um die Szenerie geht, die ist in der Art wahrscheinlich in ganz Deutschland und weiten Teilen Europas unmatched. Das große Problem war für mich einfach die Erreichbarkeit von fast allem. Genächtigt habe ich in Lorch, das Weingut liegt in Spey, und zwischen Koblenz und Mainz sind exakt NULL Brücken. Nicht mal eine aus Holz oder eine Ruine aus der Römerzeit. Nix. Nur eine Bundesstraße folgt dem Flusslauf an jedem Ufer. Egal, genug drum herum gelabert. 

Weinberg+Bundesstraße=Weinbergsbundesstraße

WEIN?!

Was für Wein? Das übliche. Das deutsche Rhein-Standardpaket. Hauptsächlich Riesling, 6% Grauburgunder für die schieren Massen, die sich vor Säure fürchten, dann ein wenig Weißburgunder und Spätburgunder, fast alles für den Sekt. Weiß- und Grauburgunder werden auch Still abgefüllt, und den Pinot gibt es als Blanc de Noir. Im Sommer habe ich schon mal eine Caption über die Bopparder Hamm Spätlese (Ortswein) und das Mandelstein GG geschrieben. Beide waren tolle Weine, klassischer Riesling, frisch und sommerlich, aber auch mit Potential für Reife oder werdende Weinkeller-Demenz. 

Ich glaube die Rieslinge zeichnen sich hier durch Frucht und geradlinigkeit, gar Zielsträbigkeit aus, sie sind weniger mineralisch, aber fruchtiger, als die Nahe, weniger alt und weiss als der Rheingau und am ehesten gleichauf mit der Mosel, dem direkten Nachbarn. Die GGs sind eher schroff und karg, und auch wenn die Säure nicht so hoch ist wie bei manchen Mosel-Nachbarn, gibt sie den Weinen eine extreme Süffigkeit. Die Guts- und Ortsweine sind Trinkweine, sie sind nicht gemacht um erst in zehn Jahren fertig zu sein, man soll sie trinken und gefälligst sagen, dass sie lecker sind. Und die Restsüßen Weine erinnern an eine Mischung zwischen Mosel und Rheingau. Ich meine, das ist die Region ja eigentlich auch. 

Definitiv Wein

Na gut, viel bringt es jetzt nicht, nur die Weine zu beschreiben, zu sagen was gut war, wies geschmeckt hat, was ich gekauft habe (1x Sekt, 1x Fässerlay), wo die Weine herkommen, wie alt die Parzellen sind, welcher Nachbar am ältesten ist und welcher den schlechtesten Wein macht. Juckt meistens gar nicht, hauptsache es schmeckt überhaupt ansatzweise. Spoiler: Tut es. 

Trotzdem ist der Bopparder Hamm als Weinbergslagendingsbums ganz interessant. Der Bopparder Hamm ist der größte zusammenhängende Weinberg, bzw. Weinbergslage, im Mittelrheintal, ist aber kein eigener Weinberg. Anders als an der Mosel, wo es eine Wehlener Sonnenuhr Große Lage gibt, gibt es in Boppard die so genannte „Region Bopparder Hamm“. Klingt scheiße? Ja. Der Boppardische Hamster fungiert hier fast so wie der Ortsname beim Forster Village oder Malterdinger Ortswein, indem er selbst der Ort ist. Statt Boppader Ortswein steht auf der Flasche dann „Bopparder HAMM Ortswein“. Klingt edel und so. Und vielleicht ein bisschen irreführend? Das Thema „Region [Weinberg]“ ist sowieso mal wieder ein ultra-deutsches Bürokratie-Ungeheuer. Man siehe Bernkasteler Badstube oder Zeller Schwarze Katz (Plörre).

Das TerroirTM besteht hier aus einem der heißesten Wein-Klimata Deutschlands, also milden Wintern und hot Summers, gepaart mit einer typisch windigen Flussbriese und bröckeligem Ausrutsch-Schiefer. Eigentlich recht chillig, auch wenn Dinge wie Eiswein fast unmöglich zu produzieren sind, oder zumindest unmöglich gut zu produzieren sind. Statt eiskalten Lesen bei -47,5°C gibt es dann halt eher milde Bedingungen für Beerenauslesen und sonstigen Süßkram. Yummy.

Gitterboxen (NICHT Gitterboxpaletten)

Der Keller ist auch wild, ja. Klima und Heizung gibt es hier keine, braucht man ja auch nicht, wenn man einfach einen Kreislauf mit der Natur schließen kann. Das Wasser schiebt sich aus dem Rhein raus direkt in das Weingut, läuft durch die Wände und knallt ein Mal richtig auf den AC ON Knopf. Nur halt ohne extra Spritverbrauch. Das sollte ich in meinem Auto auch verbauen. Durch die Dauerkälte des Flusses bleibt auch der Keller bzw. die Weinlagerhalle bei einer konstanten Temperatur, die im Sommer kalt genug ist um nicht andauernd um das eigene Leben zu bangen, und im Winter warm genug ist, um nackt dort zu schlafen (Don’t try at home). Und unten, also ein Mal durch das Versandzwischenlagerwhateverding und dann die Treppe runter, findet man einen klassischen, – teils Bahama-Beige gefließt, teils exposed Beton Omas Basement Type deal, – Weinkeller. Ganz ohne Holzfässer, also kein Fuder, kein Barrique, kein Halbstückfass und auch kein dreifach von Fichtenharz verstärktes Akazienfass, hier gibt es nur Stahltanks, von denen die meisten sogar an den Bogen der Kellerdecke angepasst sind. Ergo sie sind rund. Ja. Rund.

Platz für Expansion gibt es reichlich, oder viel eher Platz für Kellerexpansion gibt es reichlich, und vielleicht wird das noch nötig. Wenn der Mittelrhein irgendwann wieder in aller Munde ist vielleicht. Aktuell liegen viele Weinbergsflächen brach, viele Parzellen werden gerodet und aufgegeben, teils wegen Alter, teils wegen fehlender Kunden, und manchmal liegt es auch einfach daran, dass irgendwer auf die faszinierende Idee kam, seinen Riesling in einem Trierer Rad anzubauen (don’t look it up after 3 am). Für Johannes Müller ist der Bopparder Hamm gerade eine Goldgrube, und für jeden anderen eigentlich auch. Am Mittelrhein gibt es wenige bessere Lagen, oder überhaupt annähernd gleichwertige Orte für Wein, und die Preise pro m² sind im Keller. Nein, im Atomschutzbunker 42 Meter unter Berlin. Wer jetzt Winzer werden will und irgendwie seine Bank des Vertrauens davon überzeugen kann, dass der Risikodeal Weingut im 21. Jahrhundert noch Früchte tragen wird, sollte sich am besten hier ansiedeln. Viel Erfolg. Ich bin jedenfalls dabei und mache den ersten Orange Wine, der auch Johannes gefällt.

Und damit ist alles gesagt. Bis zum nächsten Mal Johannes. Es war mir ein Vergnügen. Thx. <3

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Who has favorites anyway?
I was absent but the website changed, I bought wine and drank some of it, it was great!
Dayum son, would you really do that?!

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