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Fame, Hype und Riesling

Die Einführung zu meinem letzten Instagram Post lautete: „Einen Wunderschönen Abend an alle Freunde des Frühlings und die, die es werden wollen, Fanatiker von Weinflaschen Fotos aus Kellern der Bauzeit 1960-1966 und natürlich an alle Follower, welche im Laufe des letzten Tages dazu gestoßen sind.“
Wenn dieser Beitrag online geht, ist eine knackige Woche vergangen, aber die News bleiben genau so top Aktuell wie sie letzte Woche waren. Aber der Reihe nach

Instagram Sucks

Tut es? Oder sind wir nur alle langweilig?
Mittlerweile ist jedem bekannt, dass der Instagram Algo bei den meisten eher motivationszerstörend, als zumutend wirkt; bei mir natürlich auch. Posts werden niemandem angezeigt, meistens nur 10 Followern und genau nullkommanull Nicht-followern. Die ersten 10, die etwas sehen, liken eh nie irgendwas und alle die danach kommen, können nichts liken, weil sie die Posts so oder so nie zu Gesicht bekommen. So ist es wirklich jedes Mal.
Hashtags versucht? Bringt nichts, in den Hashtags werden doch sowieso nur die viralen Posts gezeigt.
Stories gemacht? Das läuft schon eher, aber das sehen dann natürlich wieder nur die eigenen Follower. Naja, es ist doch immerhin etwas!
Reels? Naja, habs auf Englisch versucht aber der Vibe war nicht der aller größte. Vielleicht lag es an der Sprache? Videos werden ja bekanntlich von Insta, Tik Tok und Co gepusht, hauptsache Attention Span reduzieren, mehr Video schauen, mehr scrollen. Bei mir liefen diese Reels tatsächlich, jedenfalls deutlich besser als die normalen Captions, aber was einem nicht gefällt bringt einen auch nicht weiter, oder doch?
Seit neuestem werden sogar die Beiträge von mehr oder minder bekannten Weininfluencern von Instagram ausradiert; Begründung Sexuelle Inhalte? Clownalgorithmus (Clown Emoji einfügen)

Jeder Follower ein Erfolg

Zu meinen besten Zeiten gelang es mir tatsächlich je Woche einen bis zwei neue Follower heran zu ziehen. Die meisten waren altbekannte Porno-bots die Instagram nach zwei Wochen so oder so wieder löschte, aber gelegentlich waren auch großkalibrige Superstars mit von der Partie. Als mir der erste Winzer folgte überkam mich das sonderbare Gefühl zu feiern. Ich hätte am liebsten eine Flasche Champagner gesäbelt und allein gegurgelt, war aber nicht in Besitz eines solchen, und hatte wie immer eine absolute Null-Bock Haltung gegenüber den Althäusern wie Moet und Veuve.
Dann einige Wochen später der King of Schrift und der Gen Z Wein CEO (so auch dieser eher Millenial ist) ‚Milton Sidney Curtis‘. Dann der Protagonist der Geschichte Jan Thomas Thomas aka Jan_thesommelier, und so weiter und sofort. Ein paar neue Follower kamen, ein paar alter Follower gingen. Ich erreichte ein Plateau, 150-160 Follower, mehr schaffte ich nicht, ein ganzes halbes Jahr verging und ich erreichte ein neues Hoch: 159 Follower. Und dann waren es in der nächsten Woche wieder 156. Ein ermüdendes Trauerspiel, aber kein Grund die neuen Follower nicht zu feiern und zu lieben.
Irgendwann der Switch zum germanischen (Wenn ich so darüber nachdenke geschah das meiste beschriebene sogar erst danach), was sich meiner Meinung nach deutlich gelohnt hat gegenüber dem englisch sprachigen. Es machte mehr Spaß und ich konnte deutlich kreativer schreiben. Ein paar Captions knallte ich raus, eine oder zwei pro Woche. Ab meinem achten Posts war alles anders. Natürlich war nicht alles anders, aber man muss doch theatralisch sein um sich zu verkaufen!

Jan Thomas Thomas

Besser bekannt als Jan_thesommelier. Ein King der seinesgleichen sucht. Es war so: Am frühen Morgen des 01.11.2024 (es war so 15 Uhr), als ich mich irgendwo zwischen 25% Tiefschlaf, 25% früher-Vogel-fängt-den-Wurm und 50% Delirium befand ging ich wie Patrick Bateman meiner gewohnten, sich nie ändernden Morgenroutine nach. Das heißt, dass ich mir mein Handy nahm und erst mal wie ein bekloppter auf Instagram Reels angeschaut habe um meine Aufmerksamkeitsspanne aufs absolute mindeste zu reduzieren. Doch als ich erhobenen Hauptes in Doppelkinnhaltung mein ‚Smartphone‘ begutachtete fiel mir eine spektakuläre Nachricht auf, wie in einem Fiebertraum. Jan thebabbosommelier hat eine Story gepostet, mich darin markiert. Darin stand ungefähr: „Ich muss diesen Typen hier mal pushen, der schreibt coole Sachen und trinkt nette Weine“.
„Was geht ab?!“ war mein erster Gedanke, „Bin ich im Himmel?“
Nein ich war nicht im Himmel, ich wurde ‚lediglich‘ von einem Profi der Szene gelobt und publiziert. Jemand wollte, dass Menschen mir folgen, und jemand sagte, dass er feiert was ich mache. Wow. Ich fühlte und fühle mich selbstverständlich immer noch geehrt.

Fame, Hype und Riesling

So fühlte sich der Tag zumindest an. Ich sammelte mehr als 50 Follower innerhalb dieser 24 Stunden an, und auch danach trudelten mehr ein. Ich bekam Kommentare, DMs, Liebesbriefe und gebrauchte Unterwäsche per Post. Life was good. Feiern muss man ja trotzdem, also habe ich mir einen der interessanteren Weine meiner Sammlung genommen.

Christian Klein – Kröver Steffensberg Riesling Spätlese 2008

Ein mir gänzlich unbekannter Winzer. Ein Jahrgang der, bis auf 2021, wahrscheinlich jeden anderen Jahrgang der 2000er weg pfeffert und scharf anbrät, vor allem in der Champagne, aber natürlich auch in Deutschland. Der Weinberg heißt eigentlich ‚Nacktarsch‘ und gehört damit zu den Number 1 Bullshit Bergen in Deutschland, aber wer sagt denn, dass man da nur scheiße herstellen kann? Ich meine sogar ganz sicher behaupten zu können, dass der Kröver Nacktarsch selbst keine schlechte Lage ist, lediglich dass das, was daraus gemacht wird und genau so heißt wie der Berg, echt Müll ist.
Dieser Wein ist toll. Eine Nase die auf den ersten Blick (oder Riecher?) eher tertiär als primär ist, und auch älter wirkt als so einige Riesling in dem Alter. Ein paar weitere Riecher und man kommt auf Aromen und Noten wie Honig, Wachs und Karamell, das typische Spiel des Rieslings, aber später findet man auch Noten von wegen Citrus, sehr ausgeprägte Zitronen und teils Minze. Ein Hauch an karamellisiertem Zucker und gebranten Mandeln, wunderschön. Säure war präsent aber nicht prägnant, genial integrierte und zurück gehaltene Süße, eine absolute Balance und Trinkfreude. So gut. 24€ hat das gekostet. In welcher Welt darf das 24€ kosten?

Hier nun mein abschließendes (aber nicht letztes) Dankeschön and Jan_thesommelier, ich hoffe wir lernen uns früher oder später in deinem Edeka oder auf der Prowein kennen. Sofern du das hier überhaupt liest :]

Cheers.

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