There it is! Teil 1 von wasweißichwieviele. Mein erster Wannabe-Deepdive, voll von Halbwissen und unnützem Geschwafel. Ich will ausbrechen aus der Norm, der Matrix entkommen, das Rad zerbrechen. Immer wieder erwische ich mich dabei, wie ich Riesling, Nebbiolo oder Kemker Kultuur trinke und dabei schlichtweg nichts neues lerne. Ich lerne lediglich, dass der Kabinett von Kai Schätzel einen anderen Stil hat als der von Prüm, aber wem sagst du das. Das weiß ja wohl jeder. Takeaways, neue Erkenntnisse oder wirklich anwendbares allgemeinwissen, in diesem ach so gottlosen endlos-Thema, finde ich dabei nicht.
Deswegen mache ich jetzt etwas Neues. Ja gut ok, das habe ich außerhalb meines Blogger-daseins auch schon oft gesagt, und bin dann trotzdem immer wieder beim Schachtelwirt, bei Minecraft oder bei schwarzen T-Shirts und blauen Jeans gelandet. Das soll sich jetzt aber ändern. Ein für alle Mal! Wein ist meine Passion und mein Thema. Nichts, was mich je interessierte, hat mich so lang festgehalten wie verschimmelter Traubensaft.
Ich will eigentlich alles wissen, was ich wissen kann. Idealerweise werde ich dafür Master of Wine oder Master Sommelier, oder mache irgendein WSET, oder reise wie ein bekloppter und werde Bikepacker. Aber nein, ich habe kein Geld. Ich bin ein armer Schlucker; ein geldloser Auszubildender auf dem Lager. Ich muss es zuhause machen. Und dabei kann ich mir auch keine teuren Ganevats, Hubers oder [hier Winzer einfügen] aus dem Burgund kaufen.
Ich werde also weder meine Spendierhosen anziehen noch irgendwelchen Trends hinterherjagen, die sowieso schon von dreihundertsiebenundvierzig anderen Bloggern auseinandergenommen wurden. Und wenn ich es tue, dann ist es keine Absicht. Ab sofort werde ich mindestens ein mal pro Monat versuchen meinen Horizont zu erweitern und meine Bubble zu vergrößern, wenn nicht sogar platzen zu lassen. Es geht um Winzer, Regionen und Rebsorten, neue Orte, neue Personen, neue Geschmäcker. Manchmal werde ich mich auch mit alten Geschmäckern und alten Leuten beschäftigen, vielleicht auch mit alten Orten, aber ich werde sie in einem für mich gänzlich neuen Blickwinkel betrachten müssen, sie genauer untersuchen und analysieren. Mein Ziel ist es etwas zu lernen, um eines Tages mit einem maximal unnötigen, aber sehr beeindruckenden Wissensfundus jedes Wein Trivia Quiz zu gewinnen zu welchem ich eingeladen werde. Ich werde normalerweise nicht zu Wein Trivia Quizzes eingeladen, deswegen wäre jetzt eine gute Zeit.
Das heutige und somit das erste Thema, welchem ich mich widme, ist wohl eher überschaubar: The basics of Griechenland. Eigentlich ist mir die Idee für das Format ganz zufällig gekommen, weil ich im Keller noch sowohl eine Flasche Assyrtiko als auch eine Flasche Xinomavro liegen hatte, die ich im März in einem wunderschönen kleinen Weingeschäft namens „Holy Grail“ in Köln kaufte. Ob aus der Idee etwas Langfristiges wird, sehen wir dann in einem Monat. Öffnet die Wettbüros, rennt zu Tipico, geht zum Wahrsager des Vertrauens! Werde ich noch so einen Post machen? Werde ich meine Quote aufrecht erhalten? Ein mal pro Monat? Ich enthalte mich, ich weiß es nämlich selbst nicht so recht.
Wir kriechen durch Griecheland!
Wunderschönes Griechenland. Gyros+Pommes, die Akropolis in Athen und Udo Jürgens. Alles Dinge, die so essenziell griechisch sind wie Lederhosen, Weißwurst und die Autobahn deutsch sind. Das Land befindet sich in *nichts Falsches sagen* Süd-Europa. Oder Ost-Europa? Süd-Ost-Europa? Ist Griechenland noch Balkan oder ist griechisch zu extrem dafür? Zu weichgespült? Das Land hat immerhin ein eigenes Alphabet, so wie Kyrillisch, und dafür verdient es meiner Meinung nach eine ganz eigene, geographische Einordnung.
Griechenland ist neben den obengenannten Dingen unter anderem auch dafür bekannt, die Olympischen Spiele erfunden zu haben, sehr viele Philosophen mit ulkigen Namen bekannt gemacht zu haben, und aus gefühlten vier milliarden Inseln zu bestehen. 3054, um genau zu sein.
Insgesamt wird in Griechenland auf knapp 110.000 Hektar Land Wein angebaut, davon sind aber nur knapp 1900 Hektar dem Assyrtiko und 2100 Hektar dem Xinomavro gewidmet. Eigentlich ziemliche Pipikaka Zahlen, wenn man mal bedenkt, dass bei uns in Deutschland 23% des gesamten Anbaus für Riesling drauf gehen. Und entgegen dem was ich erwartet, – viel eher gehofft, – hatte sind Xinomavro und Assyrtiko auch nicht die meistangebauten Rebsorten in ihrer Kategorie. Schade.
Der Titel für den geilsten Player in weiß geht an Savatiano. Nie gehört? Ich bis heute auch nicht, allerdings ist Savatiano eine Rebsorte die hauptsächlich für Retsina benutzt wird, und damit konnte ich mich bisher sowieso nur spärlich anfreunden. Wie viele Hektar Land mit dieser Sorte zugestopft wurden, konnte ich nicht herausfinden, die Zahlen und Angaben sind dazu so vielseitig wie ein Dodecahedron. Der rote Champion heißt Agiorgitiko.
Hier geht es aber weder um Savatiano noch um Agiorgitiko, auch nicht um Retsina und auch nicht um Ouzo was trinkst denn du so. Wir sprechen über Assyrtiko und Xinomavro, DIE griechischen Rebsorten. Nein, sie sind nicht die meist gepflanzten, nicht die Umsatzstärksten, nicht die lukrativsten, aber sie sind mit Sicherheit die bekanntesten. Und die besten? Sie sind zumindest bis auf wenige Ausnahmen die einzigen die ich probiert habe.
Kleine Insel, Mittelgroßer Wein?
Santorini. Weiße Häuser mit blauen Kuppeln, das blaue Mittelmeer und meine Großmutter auf einem Esel. Dazu einen Ouzo, vielleicht einen einsamen Ziegenfarmer mit Hang zu Fetasucht und fertig ist das perfekte Bild von Griechenland. Oder? In Wahrheit sind die blauen Kuppeln, die man mit Santorini verbindet, eine ziemliche Seltenheit, und meine Großmutter ist leider keine weltbekannte Renneselzüchterin und kommt auch gar nicht aus Griechenland.
Die Insel ist eigentlich ziemlich mickrig, nur knapp 76 Quadratkilometer. Davon sind aber mindestens 12 Quadratkilometer (1200 Hektar), also mehr als 15%, mit Wein bestockt. Durstige Motherfucker. Der Boden besteht auf der ganzen Insel hauptsächlich aus Basalt, Vulkanasche und Bimsstein. Bimmsstein ist ein sehr poröser, löchriger und leichter Stein der wahrscheinlich am bekanntesten dafür ist, dass er weniger Dicht ist als Wasser und deswegen einfach schwimmt. Der schwimmt. Ein Stein, der auf Wasser schwimmt. Außerdem wird er zum Hornhaut entfernen benutzt, weil er so ein geiler Schmirgelpapier Ersatz ist. Angeblich.
Der Assyrtiko (Die? Das?) macht sage und schreibe 80% des gesamten Weinanbaus auf der Insel aus. Die Weine, die daraus entstehen, sind für gewöhnlich sehr zitrisch, mineralisch und salzig, und mit Riesling geschmacklich sehr verwandt. Ich bewege mich also in aromatisch bekannten Territorien. Sie sind karg, nicht überladen oder exzentrisch, haben aber meist nicht weniger als 13,5 Volumenprozent Saufpotential. Wer also keinen Bock auf Tannine hat aber trotzdem einen Rausch der Extraklasse will greift beim nächsten Mal lieber zu Assyrtiko als zu Nebbiolo.
Mein erster Assyrtiko war der Santorini Familia von Hatzidakis, ein wirklich grandioser, klarer, säuregetriebener und mineralischer Weißwein, der für 33€ vielerorts konkurrenzlos bleiben würde. Offiziell ein Einstiegswein, für die Bezeichnung ist er meines Erachtens aber einfach zu teuer und vielleicht auch ein bisschen zu gut. Ich würde also lügen, wenn ich jetzt behaupte, dass ich nicht zumindest ein bisschen gehyped war den Argyros Assyrtiko aufzumachen.
Die Nase ist minimalistisch, ein wenig langweilig, da sind aber trotzdem Limetten und Zitronen und ein bisschen Minze, aber mittendrin auch ein Schwall von Alkohol, der mir die Nasenharre abflämmt. Im Mund dann mehr vom Gleichen, starke Säure und mehr Zitrus, jetzt auch Mineralität, aber trotzdem ein kleines Bisschen zu viel Alkohol. Er ist nicht integriert und nicht ausbalanciert. Für die Prozent fehlt es an Säure, Aromatischer Dichte oder an Zucker. Der Wein ist trotzdem gut, sehr trinkbar und macht einen Gaudi den ich nicht bereue. Am zweiten Tag ist er angenehmer; der Alkohol ist verflogen und die Mineralität ausgeprägter, dafür fehlt es jetzt aber auch ein wenig an Aroma. Der Wein wird nicht mehr besser, ich saufe ihn also jetzt. Hype nicht erfüllt 🙁
Und was heißt das jetzt für mich? Ich glaube, dass Santorini eine sauinteressante Domain ist, die ich mir todesgern noch öfter anschauen würde, bei Gelegenheit auch Live und in Farbe. Ich hatte zwei Assyrtikos von der Insel, den Hatzidakis und den Argyros, war von einem geflasht und von einem enttäuscht. Fairerweise muss ich aber auch sagen, dass meine Vorfreude womöglich ein wenig zu sehr in die Insanity abgedriftet ist. Ist Santorini also eine kleine Insel mit mittelgroßen Weinen? Mein Kanon sagt ja, jeder andere sagt nein. Meine Meinung bleibt unklar.
Xinomavro – billige Nebbiolo Kopie?
Was bitte ist das für eine Rebsorte? Xinomavro? Aussprache wie ein Star Wars Charakter, aber sowas von.
Xinomavro ist eine rote Rebsorte, falls es noch keiner erraten hat. Rot, Tanninreich und aromatisch intensiv. Der Name Xinomavro ist eine Fehlleitung, die Resborte heißt in Wahrheit nämlich „Mavro Naoussis“ und ist laut Wikipedia die meistangebaute rote Rebsorte Griechenlands. Wie bitte? Ich dachte die hieße Agiorgitiko? Es tut mir weh zuzugeben, aber ich habe keine Ahnung. Laut dem Wine Folly ist Agiorgitiko die meistangebaute rote Rebsorte, laut Wikipedia ist es aber nur die fünfthäufigste. Klär mich jemand auf, sonst gebe ich dieses Format direkt wieder dran. Ordentliche Statistiken habe ich auch nicht gefunden. Scheiß schade.
Hauptsächlich angebaut wird der (Die? Das?) Xinomavro in der Region Naoussa in Zentralmakedonien, – Daher stammt auch der Name Mavro Naoussis; „Schwarze von Naoussa“. Die schwarze von Naoussa ist eine spätreifende Rebsorte, mit einem fetzenden Säureprofil. Daher kommt auch der Name Xinomavro; „Sauerschwarz“. Klingt ein bisschen wie der Billigkaffee bei der Arbeit.
Laut der Julius-Kühn Datenbank für Kulturpflanzen, bzw. dem VIVC („Vitis International Variety Catalogue“), meinem Lord and Saviour für allerhand Rebsorten-Bullshit, hat der Xinomavro lediglich einen bekannten Elternteil. Und dieser eine bekannte Elternteil ist ausgerechnet der Weiße Heunisch, der natürlich auch der einzige bekannte Elternteil vom Motherfucking Riesling ist. Die Weinwelt ist ein Kreis, ich glaube ICH DREH DURCH! Irgendwie komme ich immer wieder zum Riesling zurück. Ich wage es gar nicht nach Assyrtiko zu suchen.
Xinomavro hat außerdem einige sehr interessante Synonyme, unter anderem fallen mir Sachen wie „Pipoliko“ oder auch „Mavro Xino“ besonders ins Auge. Ich wüsste nur zu gern, was im Namensgeber des Mavro Xino vor sich ging. Auf die Idee muss man erst mal kommen. Sehr kreativ.
Der Thymiopoulos mit dem Namen Earth and Sky, den ich damals (joa so vor zwei Monaten) im Holy Grail in Köln kaufte, kommt auch aus Naoussa, dort wächst er auf von Lehm bedeckten Kalksteinböden, die Reben sind im Durchschnitt 45 bis 50 Jahre alt, und somit mitten in den Wechseljahren. Sie wachsen rund um die Dörfer Trilofo und Fitia, in letzterem sogar auf einer Höhe von bis zu 650 Metern. Nach der Lese, die in 2020 fast einen Monat dauerte, werden die Trauben für knapp 40 Tage mazeriert, bevor sie 18 Monate lang in drittbesetzten, französischen 500-Liter Fässern verenden.
Schmecken tut dieser schimmelsaft so: Auf der Nase erschlägt es mich mit roten Früchten. Erdbeeren, Kirschen, Blut (ab sofort auch eine rote Frucht), hier und da ein paar rote Johannisbeeren. Dazu ein Strauß roter Rosen, ein staubiger Dachboden, frische Blumenerde und ein waldiges Bisschen Holz. Aromatisch intensiv, komplex, Jagdbogen artig spannend und enorm einladend. Gimme more. Im Mund dann ähnlich, aber mit einer ICE-Säure und einem Gemüsebeet an Tannin, mehr rote Frucht, mehr Erde, mehr Wald. Ein bisschen Paprika und Pfeffer kommen auch noch dazu. Wow. Fuck me das ist geil.
Letztenendes erinnert mich dieser Xinomavro, Mavro Xino, Pipoliko oder wie-auch-immer durchaus an Nebbiolo. Nicht das Barolo-Level von Nebbiolo, sondern näher am Barbaresco oder einem Nebbiolo d’Alba. Ist Xinomavro also nur eine billige Nebbiolo Kopie und sollte dringendst gemieden werden? Nein, auf gar keinen Fall. Warum stelle ich eigentlich solche beknackten Fragen, wenn die Antwort doch ganz klar ist? Nebbiolo ist eine teurere Xinomavro Kopie!
Aber mal auf Ernst. Dieser Xinomavro war sicherlich eng mit einigen sehr guten Nebbiolos verwandt, und trotzdem war er eigenständig. Ein Singlehaushalt mit Anspruch. Ja, man kann diesen Wein als Quotenersatz nutzen, um den täglichen, – beunruhigend hohen, – Italienkonsum aufzubrechen und um behaupten zu können man würde auch die europäischen Underdogs trinken, aber was bringt einem das? Xinomavro trinkt man, um Xinomavro zu trinken.
Ende im Gelände!
Und fertig ist er, dieser erste Post. Ich taufe dieses neue Format: „Just Wine Things“, weil es um nichts anderes geht als das: Just Wine Things. Unnützes, aber interessantes, Wissen über Wein und was-auch-immer sonst dazu gehört.
Das heutige Thema war interessant, ich bin sehr zufrieden, wenngleich dieser erste Beitrag noch weniger durchgeplant war, als er es sein sollte, könnte, müsste. Ich habe definitiv Dinge dazugelernt, allen voran, dass Xinomavro ein Kind des Heunisch Weiss ist, und das vergesse ich auch nicht mehr. Assyrtiko und Xinomavro sind Resborten, mit denen ich mich in kommenden Beiträgen und Stories mit siebenundneunzig-prozentiger Wahrscheinlichkeit noch mal beschäftigen werde. Vielleicht sogar mit anderen Rebsorten? Wer weiß, womöglich probiere ich ja mal diese sagenumwobene fünfthäufigste, – aber trotzdem meistangepflanzte, – rote Rebsorte namens Agiorgitiko. One day.
Danke für die Aufmerksamkeit und das Lesen, es war mir eine Ehre.
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