ENGLAND! Ewiger Fußball-nichts-könner, Fish and Chips und Cheeky Pint Enjoyer, und Perfektionist der feinen Benimmregeln und des bottom shelf of Society zugleich. England ist verantwortlich für fast alles, was die Welt interessant macht. I mean, halloooOOO? Chips mit Essig und Meersalz Geschmack, Pommes mit Essig als Soße, Boris Johnson und die Queen (Rest in PEACE).
Obendrauf kommt eine Sprache, die die Welt geprägt hat, wie kaum eine, ein Parlament, dass in beliebigen Best-of-british-parliament Videos teils wie ein Zoo und teils wie ein Circus wirkt, und Tee. Oh, und bei Gloucester (gesprochen Gloschda) gibt es ein Käserennen. Oder Käsefangen?
Ach, und dann gibt’s ja noch Kulinarik. Baked Beans auf weißem Weizentoast, Bacon and eggs zum Frühstück, Jellied Eels und… Stargazy Pie (wtf). Die sollten bei Alkohol bleiben. Die haben nämlich sowohl den Espresso Martini als auch den Gin & Tonic erfunden, irgendwas machen sie damit also richtig. Und dann natürlich so brilliante Produkte wie Buckfast Tonic Wine. Also Wein mit Koffein, von waschechten, sündenfreien Benediktinern in der Buckfast Abbey zusammengeschustert.
Und seit einigen Jahren macht England auch Wein. Aber richtigen Wein, ganz ohne Koffein. Hauptsächlich mit Sprudel und brettharter Lasersäure, für Stillwein ist es oft noch zu kühl. Bekannte Beispiele sind natürlich Nyetimber (seit 1988) oder Gusbourne (seit 2004), aber auch kleinere Läden machen mittlerweile echt dicke, – und sehr teure, – Dinger.
So auch mein Opfer für Vol. 02 von JUST WINE THINGS: Hundred Hills. Aus Oxford. Entdeckt habe ich das Weingut durch eine Online-Bekanntschaft, die mir auftrug, Rupert von Hundred Hills Wine aufzusuchen und zu verhören. Gesagt, getan. Das war am letzten ProWein Tag gegen 16 Uhr. Freundlicherweise stellte mir genau dieser Rupert im Zuge unseres Gespräches dann folgende Flaschen zur Verfügung:
- Dreaming Spires 2019
- Blanc de Blancs No.2 2018
- Rosé de Saignée 2021
Es sollte also explizit erwähnt sein, dass es sich bei diesem Blogbeitrag indirekt um Werbung handelt, oder zumindest um eine Kooperation. Danke Rupert, danke Hundred Hills. Ihr seid zu gütig.
OXFORD
Das ist da, wo das moderne Englisch erfunden, wenn nicht sogar perfektioniert, wurde. Auch die Oxford University gibt es da, gegründet im fernen Jahre 1096 nach Christus. Ganz schön alt. Auch hat die Stadt so faszinierende Bücher rausgebracht, wie den Oxford Companion to Wine, wobei ich mir nicht mal sicher bin, ob dieser wirklich aus der Stadt Oxford kommt, oder nur danach benannt wurde. Da der Companion selbst auch nur ein Wörterbuch für Wein Fun Facts ist, könnte das nämlich genau so gut der Grund für den Namen sein. Von wegen Oxford Dictionary und so.
Oxford ist aber auch die Stadt der „Dreaming Spires“, und das nehme ich einfach als unverschämt grandiosen Übergang zu Hundred Hills. Die haben nämlich einen Wein, der genau so heißt.
Stephen und Fiona Duckett sind die Inhaber dieses Weinguts, schon 2009 begonnen sie nach dem passenden Ort zu suchen, um in England Wein anzubauen. Drei Jahre später hatten sie genau diesen gefunden. Laut der Datei aus der ich diese Informationen schamlos klaue hatten die Beiden damals 42 Acres Land in Oxfordshire gekauft. Also ungefähr… 16,9968 Hektar. So ungefähr, wenn mein kleines 1×1 noch stimmt. Vom Bodentyp und den Mineralien, gar dem Klima, waren diese fast-17 Hektar kaum von der Côte de Blancs in der Champagne zu unterscheiden. Eigentlich perfekt.
In 2014 erfolgten dann die ersten Pflanzungen, knappe 60.000 Stöcke Pinot Noir und Chardonnay fanden ihren Weg nach University Town. In 2015 noch mal das gleiche, und im Jahre 2016 war es dann offiziell: Hundred Hills Wine.
Die Weine
Die Schaumweine, welche solche Namen wie Preamble No.2, Dreaming Spires, Hillside No.3 oder auch so exzentrische Ausbrüche an Kreativität wie „Blanc de Blancs“ haben, wachsen hauptsächlich auf brüchigen Kreideböden, wie in der Champagne. Der Boden ist zwar reich an Mineralien, dafür aber auch extrem Nährstoffarm. Die Kreide ist durchlässig und das Wasser fließt schneller ab, wodurch die Reben tiefer Wurzeln und somit automatisch lieber auf gute Trauben und Konzentration zusteuern als auf exzessive Vegetation. Ich sehe es in meinem Garten jedes Jahr, die Reben gehen ab und die Trauben sind oftmals absoluter Trash. Zuviele Nährstoffe. Boden zu lecker. Boden zu feucht. Ist fast als würde man sich täglich morgens, mittags und abends im beliebigen Sterneschuppen acht Gänge und Weinbegleitung in die Birne zwitschern. Auf Dauer ist das genau so gesund wie Zigarre auf Lunge zu rauchen.
Dreaming Spires 2019
Dieser Wein fällt auf. Er fällt aus der Reihe. Er ist anders. Nicht, weil er anders schmeckt oder anders gemacht wurde, oder weil er schlechter ist als die anderen. Nein, er hat lediglich ein anderes Etikett. Und schön ist es, volle Kanne. Dickes, texturiertes Papier mit feingedruckten, pinken Bildchen von der City of Dreaming Spires; Oxford.
Das soll dieser Wein nämlich verkörpern, die Geschichte, die Herkunft, und den Ort. Außerdem ist ein pinkes Oxford auf dem Label ein saftiger Marketing-Gag, vor allem wenn man versucht nach Amerika oder Japan zu exportieren, wo Oxford teils fast so sehr romantisiert wird wie Paris, Rom oder die Bonner Pissrinne. Letztere sollte man übrigens mindestens drei Mal im Leben gesehen haben.
Ins Glas mit der Suppe, und sie ist: Pink. Was auch sonst? Erinnert ein wenig an Provence Rosé oder stillen Blanc de Noir, aber hat durchaus Substanz. So Pink wie das Etikett ist die Farbe nicht, sondern eher wie ein frischer Lachs der sehnsüchtig und fast wie von allein auf den heißen Grill springt. In der Nase kommt es mild, zurückgehalten und unassuming. Fruchtig, floral und spritzig frisch. Geschmacklich dann ein bisschen stoffig, säuregetrieben, feine bubbles, aber nicht unglaublich komplex. Für thirty-seven POUNDS geht das vollkommen in Ordnung. Und dafür dass es englisch ist, knall ich da noch ein gute-Preis-Leistung Siegel hinterher. (£37,75)
Blanc de Blancs No.2 2018
Welch herlich vornehme Düfte erklimmen da die Berge, die meine Nasenhaare und Inner-Nasen-Pickel sind? Dieser Wein besteht, wie es ein Blanc de Blancs meistens tut, zu 100% aus Chardonnay. Geerntet wurde mitten im Oktober, nach dem die Trauben für mehr als 100 Tage am Stock hingen. Die Basis wurde in einem Mix aus „Traditional Oak Casks“ bzw. Stückfass und Edelstahl zusammengeschustert. Keine Malolaktische Gährung, 48 Monate Hefelager.
Farblich wird hier nicht übertrieben, die Pfütze in meinem Riedel DomP Glas blubbert vor sich hin und glitzert mich mit einem blassen Heuton an. Wie ein vertrockneter Rasen im Juli. Die Nase ist fruchtig, hefig, briochig, dicht, mineralisch, eigentlich alles. Der Geruch ist tief, komplex und höchst geil. Quasi ein Mix aus alledem, was Blanc de Blancs sein sollte und sein muss. Feine Bubbles, gefühlt wie ein flüssiger Sandkuchen, moderate Säure, ein bisschen Tannin. Geschmacklich weiterhin fruchtig und hefig, dazu kieselsteinige Mineralik. Saukrass.
Besser als der Dreaming Spires Rosé, definitiv. Dieser Wein ist ohne Ende krass, gut und krassgut. Teurer als Dreaming Spires ist er allerdings auch, knapp doppelt so viel muss man hierfür in the UK abtreten, und zwar seventyfive POUNDS. Und da diese Weine aktuell noch nicht nach Deutschland importiert werden, sollte man in Zukunft nur mit noch mehr rechnen als dem aktuellen Ab-Hof Preis. (£75)
Rosé de Saignée 2021
Tja, da ist auch schon das Ende der Fahnenstange erreicht. Sowohl qualitativ als auch preislich. Preislich wars ein Schocker. Und was für einer, Junge Junge Junge. Aber die Rahmendaten: 100% Pinot Noir, 12,5% vol. und 6 Gramm Dosage. Geerntet wurde zu 100% am 27. Oktober 2021, nach 112 Tagen Reifezeit. Gelesen wurde von einer einzigen Parzelle, genau dann, als Säure und Aroma ihren harmonischen Peak erreicht haben. Nach der Lese wurde entrappt, angequetscht und für acht knackige Stunden mazeriert, mit konstantem Unterstoßen, bevor der Most in kleine, französische Eichenfässer umgelagert wurde. Süße, kleine Eichenfässerchen.
Der Grundwein wurde ungefiltert, ungeschwefelt und mit einer Umarmung vom ganzen Team abgefüllt, bevor er, nach 18 Monaten auf der Hefe, im März 2024 degorgiert wurde. Joa, klingt nicht sehr lang, um ehrlich zu sein. Gerade mal drei Monate über dem Minimum der Champagne. Aber egal, wir richten unsere Augen auf die Farbe, stopfen den Riechkolben ins Gläschen und trinken den Wein durch einen mallorquinischen Trichter. Nur so kann man richtig beurteilen.
Die Farbe ist wild, so richtig. Dunkles, aber transparentes rot, leuchtend intensiv und blutig. Sauwild. Tausend Mal dunkler als der Dreaming Spires, tausendmal wilder. In der Nase ist er dunkel, beerig und kirschig, rotfruchtig, lilafruchtig, waldfruchtig, gartenfruchtig, meeresfruchtig, alles fruchtig. So viel Frucht, über all. Soll so, oder? Darüber eine Schicht an Wachs, wie eine auskühlende Kerze auf dem Adventskranz, dann Mineralik, dann Kiesel, dann Kräuter. Uff. Das ist gut. Richtig gut.
Im Geschmack geht es genau so weiter. Frucht, Mineralik, Kräuter, extrem ausgeprägte Säure, ein bisschen Tannin. 2021 in Reinform. Komplex, ausgewogen und balanciert, tiefgründig, intensiv. Alles, was man will, alles, was man braucht, besser als zu fliegen. Dieser Wein ist so unverschämt gut, so genial. Wer die Chance hat, da jemals ranzukommen, sollte ihn probieren. Nur der Preis macht es schwer. Onehundredandtwentyfive POUNDS. Und das wusste ich erst, nachdem die Flasche halb leer war. Würde ich das bezahlen? Ja ne is klar. Wohl kaum. Einerseits bin ich ein armer Schlucker, andererseits… bin ich armer Schlucker. Ich habe keinen Grund der darüberhinausgeht. Klar ist das ein Preis, bei dem man lieber fünf Mal nachdenkt, ob er sich lohnt. Ich tue das auch, und wahrscheinlich fällt es mir leichter, diesen Wein als lohnenswert abzustempeln, weil ich ihn dank absolut generöser Leute komplett kostenlos einsacken konnte, aber probieren sollte man ihn. (£125)
Feierabend
Joa, das war crazy. Also die Preise meine ich. £237,75 hätte mich die ganze Reihe gekostet, wenn Rupert nicht so unglaublich gütig gewesen wäre, und wenn ich in the UK gewesen wäre. Hierzulande wäre der ganze Klamauk nur noch teurer. Schon crazy, dass mir solche Sachen passieren. Dass es Leute gibt, die einem so großzügig so viel gönnen. Ich bin humbled, es ist unglaublich. Danke Rupert, danke Hundred Hills.
Und als Fazit? Punkte mache ich keine, dafür fehlt mir die Erfahrung und sicherlich auch der Kontext, und außerdem bin ich sowieso viel zu Biased, um die Ware neutral zu bewerten. Ein Ranking kann ich allerdings zusammenschustern:
Den dritten Platz besetzt offensichtlich der Dreaming Spires 2019, der Wein mit der wenigsten Komplexität, mit der „uninteressantesten“ Nase, der, der am wenigsten sexy war. Also abgesehen von der Flasche natürlich, die war bei dem definitiv am krassesten. Preisleistungstechnisch ist Dreaming Spires trotzdem der beste, ganz eindeutig.
Auf der zweiten Podiumsstufe steht der Blanc de Blancs No.2 2018. Rein geschmacklich natürlich. Er war fast genau so tiefgründig, so komplex, so vielschichtig wie der Rosé, – der offensichtlich auf Platz 1 steht, – aber ihm fehlte es an Textur. Zumindest im Vergleich. Dieser Wein ist ein verdammtes Meisterwerk. Kein Wein zum Trinken, sondern ein Wein zum sauhart abfeiern. Trink ihn auf deiner Hochzeit oder so.
Und der Rosé de Saignée 2021 ist offensichtlich auf Platz 1. OFFENSICHTLICH JUNGE. Dieser Wein ist so scheiß gut gewesen, so vielschichtig wie kaum ein Schaumwein, den ich je hatte. Ja, ich hatte noch heftigere Rosés aus der Schlammpagne, aber alter. Denk mal drüber nach. Nur so hypothetisch.
Und ist England jetzt die neue Champagne? Keine Ahnung, frag halt jemanden, der sich mit englischem Wein auskennt. Vielleicht einen Engländer? Klar ist, dass die Champagne heißer wird. Ja, Champagner war schon immer hot as fuck, aber der Klimawandel lässt auch die größten Sexikonen der Weinwelt nicht außen vor. Es wird heißer und es wird trockener, in der Champagne und in England. Für die Insel heißt das allerdings, dass erst seit wenigen Jahren Temperaturen erreicht werden, die vor fünfzig, wenn nicht sogar einhundert Jahren noch die Norm beim südlichen Nachbarn gewesen sind.
Man sollte diese Weine probieren wenn man Zeit hat, wenn man die Gelegenheit hat, wenn man Lust hat. Wenn man England aber cringe findet, dann bringt einen der Wein auch nicht mehr weiter. Probierts aus, wenn ihr wollt. Ich fands krass.
Und damit danke fürs Lesen, wie immer.
JUST WINE THINGS Vol. 03: Oh du süßer Rheingau (Wegeler)