Birdscape Pink #2 (no border)

My natty Journey begins here

Ich bin politisch übersäuert, verrottet und in mancher Augen Ausreisepflichtig, typisch rot-grün-rot Wähler halt. Ich bin ein Wein der Mäuselt, Nagellack reinigen kann und der leidenschaftlich gern nach Pipikaka stinkt, als hätte er sich eingeschissen. Nur der Wind weiß, ob ich das wirklich getan habe.

Konservativ ist das letzte, was diese Welt sein sollte, wir brauchen progressive Ideale für eine bessere Zukunft. AUSSER BEI WEIN! So leidenschaftlich gern, wie ich mich über alternde Mimimi Politiker aufrege, so gern rege ich mich auch auf über neumoderne, ungeschwefelte und ungefilterte Traubensaftfermente aus halbzerfallenen Garagen, die von Menschen gemacht wurden, die sich genau so gern von Licht ernähren, wie von nach faulen Eiern mockenden Pet Nats aus Chenin Blanc, Riesling und Dornfelder. Wobei mir einige Gestalten immer wieder aufschwatzen wollen, dass der Pinot Noir und Grauburgunder in der fifty-fifty Cuvee mit Maceration Carbonique ja doch 100 Punkte verdient hätte, schließlich ist er ja Glouglou.

Nein, nein, nein. Ich hasse diese Idee. Wer will so etwas trinken? Riesling abgepresst und dann mit einem Drittel Dornfelder Schalen mazeriert? Bah du ekelhafter Bastard. Ich brauche meinen Schwefel, sonst schmeckt der Kabinett nicht mehr normal. Dieser Touch an Kohlensäure-artigen Aromen ist einfach das, was dem Wein sein Leben verleiht. Ontop kommt dann tropische Frucht vom versklavten Züchter aus Guatemala und ein Touch an Citrus von meinem allerliebsten Pflanzenschutzmittel verballernden Zitronenbauern. So schmeckt Riesling. Zucker, Ananas, Zitronen.

Ja na gut, okay okay. Ab und zu ist es auch nice, wenn die Hefen spontan angefeuert werden, dann gibt es spannendere Struktur, mehr Variety durch die Jahrgänge und weitaus interessantere Aromen. Eigentlich verteufle ich die Knallpulversäfte von Rotkäppchen und Co ja genau für diese Taktik, für diese übermäßige, krankhafte Nutzung von Feinzuchthefen und Zusatzstoffen. Hauptsache alles schmeckt immer genau gleich. Jahrgang? Gibt es nicht. Trocken? Heißt bei uns pappsüß. Herkunft? Braucht man nicht, die Welt ist divers, so wie dieser Wein.

Aber beyond that braucht man nichts. Der Weinmarkt ist übersaturiert, da brauchen wir auch keine möchtegern Revolutionäre mehr, die uns die Ohren mit ihren Parolen über die bösen Feinzuchthefen und die gefährlichen Schwefelzusätze zuballern. Wir haben doch so viele tolle Regionen mit so grundverschiedenen Stilen, wer will da schon etwas trinken was in 50% der Fälle eh fehlerhaft ist, und die eigene Herkunft sowieso gar nicht widerspiegeln kann, weil die Rebsorte Tinta Negra im Jura einfach fehl am Platz ist.

Ich hasse Naturwein mit drei Ausrufezeichen, so sehr wie die Bayern das Radler und wie Söder den veganen Fleisch-Ersatz. Wenn ich könnte, würde ich es niemals in mein Leben lassen. Trotzdem heißt es Hätte Hätte Fischbulette, denn es gibt in München einen verwahrlosten, Käse fressenden, Bier trinkenden Naturwein Liebhaber namens Fabian, der mir immer und immer und immer wieder aufschwatzt, ich solle doch endlich diesen Baba Wein von Christian Tschida trinken, er würde mein Leben verändern. Verblendeter Blödmann (hier Augenroll Emoji einfügen).

Jeden Tag erzählt er mir, wie toll denn dieser Christian sei, er mache die besten Weine der Welt, den besten Rosé und die tollsten Weißweine. Jeden scheiß Tag trinkt er dieses Zeug. Ohne Scheiß, ich kannte dieses Weingut nicht, bevor dieser Mensch letztes Jahr im April mein Leben infiltrierte, und jetzt kenne ich nichts anderes mehr. So ein Simp Behaviour kennt man sonst nur von den bodenlosesten Grenzgebieten auf Twitch. Und jetzt auch im Wein.

In der Zwischenzeit sind allerdings zwei Dinge passiert, zwei Sphären aufeinander getroffen, das Raumzeitkontinuum zerbrochen: Im März haben wir eine Weinprobe zusammen und heute ist das Thema der Rot-Weiß-Rosé Koalition auf dem örtlichen Discord Server tatsächlich Naturwein. Ich habe Angst. Entweder finde ich jetzt eine Ausrede, um nicht teilnehmen zu müssen, also dass mein Hund auf eine Biene getreten ist, oder ich kaufe tatsächlich diese Gottverlassene Flasche Wein. Die Chance, dass ich in zwei Wochen verprügelt und dann meine Leber, Niere, Milz, Lungen und mein Herz verkauft werden, wenn ich diese perfekte Tschida-Chance nicht ergreife, ist einfach viel zu groß. Ich stelle mich also meinem Schicksal.

Das ist mein verdammtes Ende aghhhhh 🙁

CHRISTIAN TSCHIDA – BIRDSCAPE PINK 2023

OMG. Passiert das wirklich? Nach langem Hadern habe ich diesen Wein für 29,70€ bei unserem Lord and Saviour Heiner Lobenberg gekauft, damit dieser der erste Fine Wine Milliardär Deutschlands wird. Das Erste, was mir daran auffällt ist das Label, bis auf die krakelhafte, rote Aufschrift Pink M. welche fast ein Drittel des Labels verdeckt, ist es komplett Schwarz-Weiß. Das Motiv sind Vögel, Vögel und noch mehr Vögel. Geier, Adler, Truthähne, Papageien, Singvögel und ein Perlhuhn ganz oben, es ist ein sehr schönes Label, die Flasche zieht mich damit an, ich will diesen Wein tatsächlich öffnen, ihn trinken, ihn genießen. Ich will Fabian sagen, dass mir der Wein gefällt, dass ich mehr davon trinken will, dass ich gespannt bin auf den Tschida den wir in zwei Wochen trinken. Aber ich kann nicht. Ich kann einfach nicht zugeben, dass ich Spaß an dem finde, was ihm gefällt. Das Meme lebt und muss weiter leben, sein Geschmack ist scheiße, meiner gut, er ist bayrischer Barbar und ich bin eleganter Westfale.

Der Wein wandert in mein heißgeliebtes Zalto Bordeax Glas. Die Farbe ist blass, rosarot bis hellrot, trüb, nebelig, leicht Neon. Die Nase schmeichelt dieser Farbe nur allzu gut. Sie ist fruchtig, da sind Erdbeeren, Himbeeren, ein paar Aromen von Sahne und Bayrischer Creme, darüber zieht sich eine leichte, nebelige Reduktion. Wie in einer Konditorei, süß, fruchtig, gelassen.

Geschmacklich kommt der Wein dann genau so, fruchtig, mit leichtem Tannin, moderater wenn nicht sogar hoher Säure, einer Geschmeidigkeit auf Granini Basis und einem Mundgefühl wie Schlagsahne. Was. Für. Ein. Saft.

Ja Fabian, du hast gewonnen. Ja, dieser Wein gefällt mir. Nein, ich bekomme nicht dein Geld zurück (ich nehme es trotzdem bitte bitte). Und so gut ich diesen Wein auch finde, es fällt mir ernsthaft schwer ihn in seinem Preissegment zu feiern. Er trinkt sich gut, ist so zart wie mein Ego, wenn es um Wein geht, und ist einfach nur brillant in seiner Klarheit. Bei ungefiltert und ungeschwefelt erwartet mein Bohnenhirn einfach Fehler im Quadrat; aber wie soll es auch anders sein, wenn die einzigen beiden hardcore Naturweine, die ich jemals hatte, beide nur so mit ihren Missbildungen prahlten? Aber 30€? Vielleicht ist es eine Einstellungssache, aber für so eine Stange Geld erwarte ich mehr Struktur, mehr Komplexität, mehr von allem. Vielleicht bin ich auch einfach verwöhnt, aber für 30€ kaufe ich mir lieber drei Flaschen Puszta Libre als eine Flasche Birdscape Pink.

Danke Fabian, dass du mich zwingst meinen Horizont zu erweitern, danke dass du das hier liest. Adieu, bis in zwei Wochen.

Eine Antwort

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Who has favorites anyway?
I was absent but the website changed, I bought wine and drank some of it, it was great!
Dayum son, would you really do that?!

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