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Weinschnorren für Fortgeschrittene

Wo fange ich an? Am besten am Anfang. Klar, der Anfang aller Dinge. Am 16.04.2005, meine Geburt… Nein, tut mir leid. Das hier soll keine ausschweifende Lebens-, Leidens- und Liebesgeschichte, gar eine Autobiographie werden. Mehrere Dinge passierten dieses Jahr, die es aus der Norm heraus- und in die Perfektion hineinkatapultierten. Es war quasi mein Jahrhunderjahrgang. Zum einen war da der Anfang meines Sklavendaseins (aka Ausbildung), die Prowein und zahlreiche Tastings bzw. Besäufnisse, die mich um Wissen bereichtert und Gehirnzellen erleichtert haben. Ein Jahr der Jahre, was das Placement S+ auf der universellen Jahrestierlist redlich verdient hat.

Ich war nie eingeladen, um in Düsseldorfer Vororten dekadent Caviar zu löffeln, delikat Austern zu schlürfen oder auf vergoldeten Toiletten meinen Katerschiss loszuwerden. Trotzdem war dieses Jahr, für meine vergleichsweise bauernhaften Verhältnisse, in Blattgold gehüllt und mit 6 Karat Diamanten bestickt. Nichts, was jetzt noch passiert, kann das Jahr noch besser machen, als es ist. Oder doch?

Am 27.11.2024 bekam ich auf Instagram eine Nachricht. Unscheinbarer Account, Wein- und Obsthof Rüdlin, tausendachthundert-und-ein paar Follower, was die wohl wollen? Die Vorschau lese ich nie, zu unübersichtlich, außerdem schneidet Insta sicher wieder das wichtigste weg, also rein in meine prallgefüllte Inbox. Da sind Nachrichten von allerhand Leuten, die mir gut zusprechen wollen, die mich motivieren und auf die ich richtig Bock habe. Ein oder Zwei alte Knacker warten noch darauf, dass ich ihre Nachrichten beantworte, sie hinterfragen meine Expertise und meinen Geschmack. Wie die letzten fünf Male auch ignoriere ich sie gekonnt und starre direkt Stieläugig auf das, was Rüdlin schrieb: „Hey Bastian, hast du Lust, mal etwas von einem No-Name Winzer aus Baden zu probieren?“

Hä was geht?

Shhhhiiiiit. Ist das Werbung, ist das ein Versuch mich in einen Kauf zu zwingen, oder gar ein Scam? Eine neumoderne Betrugsmasche mit jungen, Weinverrückten, zielstrebigen Instagram-Bloggern als Zielscheibe? Ich traue dem Internet seiner Zeit wirklich vieles zu, aber dieser Account wirkt auf mich zu real, zu ehrlich und zu bodenständig, um mich in einen ungewollten Kauf zu prügeln oder mich gar zu betrügen. Ich bleibe vorsichtig: „Moin Kevin (Rüdlin), immer doch. Was macht ihr denn so für Sachen da unten? Baden als Region liebe ich ja, und No Name oder nicht spielt da erst mal keine Rolle. Hauptsache es steckt Handwerk, Liebe und Geschmack dahinter!“… Play it safe ist Plan A. Ich bin zwiegespalten. 50% von mir erträumen sich kostenlosen Wein, die anderen 50% bleiben am Boden und erwarten eine Antwort á la „Cool, dann kauf doch dies und das und jenes“.

„Wenn du Bock hast, schickst mir ne Adresse und ich schick dir was durch“, oh. Jetzt bin ich platt. Was ich erwartet habe, ist mir im Nachhinein nicht wirklich klar. Nebulös spuken mir Fragen durch den Kopf. Was willst du genau von mir? Was willst du dafür haben? Was glaubst du wer ich bin? Wieso, wieso in aller Welt bekomme ich, eine uninteressante Knalltüte mit schlechtem Haarschnitt und einem Kleidungsstil, der noch langweiliger ist als Bordsteinfugen auskratzen, kostenlos Wein zugeschickt? Das muss doch einen Haken haben. Ich kann nichts bieten, habe kaum mehr als 300 Follower. Die wichtigsten Dinge in meiner Influencer Karriere waren MaxiRiedels Heul-Emoji Reaktion, als mein erstes Riedel Glas kaputt ging, und das eine Mal, als Konstantin Baum meine Story ge-repostet hat.

Be real. Was mache ich? Zuerst sage ich danke, gefühlt drei Mal in einer Nachricht, dann schicke ich meine Adresse, in voller Gänze, inklusive Anweisungen, dass der Postbote erst drei Mal laut klopfen und dann vier Mal klingeln muss, jeweils mit fünf Sekunden Abstand dazwischen. Alles sollte perfekt sein, wenn ich schon eine solche Premiere in meinem Leben feiern darf. Ich kann nur staunen und mich wundern. Wie komme ich zu der Ehre? Kevin Rüdlins Antwort war simpel und weniger beeindruckend als erwartet. Ich schreibe coole Texte und es interessiert ihn, was ein Vertreter der Gen Z zu seinen Weinen zu sagen hat.

Mittlerweile ist es nach Mitternacht, ich gehe ins Bett. Dann ist Freitag und ich gehe zur Arbeit. Eine Frage muss ich Kevin aber noch stellen, sie entweicht meiner Gehirnsuppe wie Paniermehl, dass sich nicht ganz am Schnitzel festhalten will: „Wie kommst du auf jemanden wie mich?“

Meine Vermutung war, dass das Weingut sicher durch den Crosspost des einzig wahren MiltonSidneyCurtis zu mir gefunden hat, dieser fand gerade am Tag zuvor statt. Aber nein, das war es wohl nicht. Bekannt war ich bei Kevin schon vorher, aber wo er mich sah, das konnte selbst er nicht sagen. Eine abschließende Nachricht: „Das Paket geht morgen raus.“ – Ich bin glücklich.

Am Dienstag komme ich halbgar von der Berufsschule, mein Kopf steht in Flammen, brummt vor Müdigkeit, Heimweh und Langeweile. Die Schule ist einfach, aber nicht interessant. Zuhause wartet ein Paket auf mich, oben ein kleiner, quadratischer, frosch-grüner Sticker mit dem Logo des Weinguts. Der Wein ist da. Oh Schreck. Ich muss ehrlich sein, ich habe bis zu diesem Tag nicht geglaubt, dass da irgendetwas ankommen würde. Meine Hirnflüssigkeit tendiert zu Selbstzweifeln im Doppelmagnum Format, bis zum Öffnen des Pakets redet mir ein Teufel auf der rechten Schulter ein, dass ich so etwas gar nicht erreichen kann. Mir schickt niemand einfach so Wein, mich findet niemand cool, ich kann nichts, und ich wurde schlicht weg verarscht. Im Karton ist saure Luft, weil ein Mal feuchtwarm reingefurzt wurde.

Nix davon!

Aber stimmen tut nichts dergleichen. Ich öffne das Paket und sehe fünf dunkelglasige, bierbäuchige Burgunderflaschen und eine Schlegelabfüllung. Vier ganze und ein halber Liter Wein verteilt auf sechs gläsern-schimmernde Flaschen. Von allem ist etwas dabei, drei Flaschen aus der Fundament Reihe (Gutedel, Chardonnay und Cuvée Vier³), welche in diesem Weingut das Gutswein Segment darstellen, und drei Flaschen aus der Premium-Serie, genannt Réserve (Chasselas, Grauburgunder und Pinot Noir).

Die Qualitätspyramide gibt es hier nicht, oder sie wurde mit Minimalismus im Open Living Stil designed, denn hier wird nur unterschieden zwischen Einstieg und Ausstieg, Anfang und Ende, Gut und Besser. Die Réserve liegt lang auf der Feinhefe, immer im Holz. Fundament verbringt seine Zeit stattdessen häufiger im Stahltank, auch wenn das Holz hier nicht dem Tod geweiht ist.

Das Fundament punktet preislich, von sieben Tacken und fuffzig Cent hoch bis auf glatte 12€, wo dann auch direkt die Réserve andockt und sich ab 13€ für den Chasselas bis auf 24€ für den Pinot Noir weiterarbeitet.

Ich probiere fürs Erste zwei Weine. Die Auswahl war fast dem Zufall überlassen, wenn nicht der eine ein Grauburgunder wäre, und der andere den kryptischen Namen Cuvée Vier³ hätte. Ich will niemandem auf seinen fiktiven, grün weiß karierten Schlipps treten, aber ich muss einfach erwähnen, wie sehr ich Grauburgunder normalerweise meide. Ich will mich nicht vor der eigenen Wahrheit verstecken: ich habe den GB nur geöffnet, weil ich die größte Langeweile daraus erwartet habe. Die meisten Grauburgunder schwanken zwischen zwei Zuständen, oft sind sie extrem glatt gezogen, wie eine Limonade aber ohne Säure, fruchtig, bunt schreiend wie toll sie denn sind, und dass sie jedem schmecken. Die andere Variante ist ein Grauburgunder der ein paar Tage zu lange in der Sonne stehen gelassen wurde, dann hat er manchmal sogar weniger Säure als das Wasser aus meinem verkalkten Wasserhahn, überbordende Frucht, am besten mit ein wenig Eich-Einsatz. Das hasse ich so sehr wie Möhrensuppe.

Der Grauburgunder Réserve ist eine Kleinstproduktion, selbst im Maßstab des Betriebs, insgesamt gibt es 600 Flaschen, Zwei Fässer, ein gebrauchtes und ein neues Barrique. Ich mag diese Rebsorte nicht, deshalb finde ich es umso angenehmer, wenn jemand, der nicht 55€ dafür aufruft, einen trinkbaren, geradezu einen unproblematisch nicen Wein aus der Rebsorte keltert. Normalerweise hasse ich Pinot Gritschio, so sehr wie der Gringe Weihnachten, aber dieser hier macht mir Spaß, ein wenig. Wie bei allen Säften dieser Sorte fehlt mir mal wieder die Säure, da bin ich einfach Nostalgiker, der sich gerne an das Ablecken von Blockbatterien als Kind zurück erinnert. Nichtsdestotrotz: der Wein ist gut und für sein Geld, besonders wenn man bedenkt, was ein neues Barrique kostet, absolut empfehlenswert, wenn man einfach relaxed sippen will.

16€ – 12,5%Vol – 2022.

Telephobie

Am 03.12.2024 kam in meiner Instagram Inbox nur noch eine letzte Nachricht an: „Wenn du Fragen hast, dann ruf doch gern an“. Danke, das mache ich. Am Samstag gegen Bierzeit wählte ich die beigefügte Telefonnummer, selten war ich so nervös vor einem Gespräch. In meinen unerfahrenen Augen sind Winzer noch etwas ganz Besonderes, beinahe unantastbar sitzen sie auf ihren Eisernen Tronen, aus den Rebscheren ihrer Untertanen zusammengeschmolzen wie der Stuhl aus Schwertern beim Lied von Eis und Feuer. Zuerst erreichte ich ihn nicht, ich bat um Rückruf.

Vielleicht 30 Minuten später sprach ich dann mit einem Typen, der so chillig war wie Hauskatzen auf Catnip. Ich stellte ein paar Fragen, er antwortete. Ich bedankte mich, doch er sagte, dass es gar kein Problem wäre, Wein an mich zu verschicken. Wahnsinn. Kein Problem sagt er? Ich weiß, dass ich mir selbst keinen Wein schicken würde, wenn ich Winzer wäre.

Meine wichtigste Frage galt dann dem zweiten Wein, den ich geschlürft habe, den ich vor allem auch aufs härteste abgefeiert habe. Eigentlich eine einfache Story. Es sind Vier Rebsorten á drei Stile. Daher auch der Name. Brilliant, weil es so simpel ist. Es handelt sich um einen Teil Müller-Thurgau aus dem Stahltank, einen Teil Chardonnay aus dem Barrique und einen Teil Orange Wine bestehend aus Sauvignon Blanc, Souvignier Gris und Chardonnay, eingemaischt für nicht weniger als vier Wochen.

Goldig und sandfarben im Glas schimmernd, ein Blumengarten einer Nase, Zitronen- und Limettensaft wurden hier zum Gießen benutzt. Auf der Zunge komme ich erst von der Bahn ab, eine leichte Bitterkeit zieht voraus, aber sie verschwindet so schnell wie Azubis, deren Diät nur aus Red Bull und Schokobrötchen besteht. Moderat, wenn nicht sogar hohe, Säure und angenehme Thanos-Balance. Wenn mir etwas fehlt, dann ist es vielleicht die Tiefe und Länge des Weins, denn der Taste verabschiedet sich ziemlich zügig. Geil ist es trotzdem. 12€ ist sowieso wild für die Arbeit, die hier reinzugehen scheint. Sonderbar interessanter Wein und eine Idee die mir auf diese Weise gänzlich unbekannt ist. Ich liebs, und finde es lecker.

12€ – 13%Vol – 2023

Lecker sagt man nicht!

Schluss Aus Ende

Ich kann mich nur wiederholen, es nervt mittlerweile wahrscheinlich sogar. Wer denkt, dass ich nice Texte schreibe und mir deswegen Wein zuschickt, der verdient meinen vollsten Dank und all meine Liebe. Das ist Ehrenvoll auf Ritterschlag-Basis, und es macht mich ein wenig stolz. Wenn man Azubi ist und null Asche in der Tasche hat, weil man sowieso nur 600€ bekommt, und das meiste sonst für den unheiligen Weg zur Schule verplempert wird, dann sind Leute wie Kevin Rüdlin die Retter in der Not. Er macht es mir möglich, etwas zu probieren was ich sonst nicht ein mal entdeckt hätte, weil ich gelegentlich meine Wirren Kloaken-Gedanken zu Papier bringe. Es ist nur mein Hobby, ich hätte nicht erwartet, dabei so unterstützt zu werden. Danke bro. Wir sehen uns auf der Prowein.

Cheers.

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I was absent but the website changed, I bought wine and drank some of it, it was great!
Dayum son, would you really do that?!

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