Ich bin bekanntermaßen diese Dinge: zahlungsunfähig, ungläubig und ein Sünder am Limit. Der Erzfeind der Kirche, und trotzdem zieht es mich immer wieder nach Köln. Fuck. Ist es nicht eine Sünde selbst, sein Antlitz einer Gemeinde entgegen zu werfen, die selbst mit ihrem Glauben so im Kontrast zu einem selbst steht? Warum hat mich der Erzbischof von Köln noch nicht hochkant mit göttlich verliehener Manneskraft aus der Stadt geworfen? Ach so ich weiß! Ich kurble die Kölsche Wirtschaft an in dem ich dort, so unheilig es auch ist, dem Alkohol fröne! Der Alkohol ist nämlich der quasi Stellvertrende Bürgermeister des Erzbistums, wenn man dem Wirrwarr unter meiner Schädeldecke irgendwelche Achtung schenken will.
Ich war natürlich in Köln um mit meinem aktuellsten BFF (@abazaarencounter auf Insta) einer einsamen Flaschenparade Gesellschaft zu leisten. 5/6 geplanten Weinen wurden aufgerissen, zerrissen und abgerissen, die sechste blieb allerdings verschont; sie muss weiterhin einsam im Keller verweilen, aber immerhin mit ganz vielen weiteren, einsamen Flaschen. Hier meine Verkostungsnotizen:
Last friday night! (woohoo)
Sechs Flaschen auf dem Bild, fünf Flaschen in mir.
Ja, der Goisot musste leider sein Anrecht auf einen Platz in unserem Line-Up aufgeben, der Grund dafür war folgender: „Ey man, ich fühl heut nicht so, lass uns mal weniger trinken als sonst.“ Gesagt getan, ich meine, warum denn auch nicht? Nachdem ich den Dry January links liegen gelassen habe, wie Christian Lindner die Ampel, kann es ja nicht schaden mal ein wenig an die eigene Gesundheit zu denken. Normalerweise öffnen wir ja auch bis zu 10 Flaschen pro Abend, wenngleich wir auch nur 2 Gläser aus ihnen ziehen. Also; Gesundheit steht hier im Fokus, wir wollen keinen Hangover haben wenn wir morgens aufwachen! Dass wir am Ende statt 10 Flaschen á 1-2 Gläser intus zu haben, 4 ganze Flaschen und eine halbe Sauternes leermachen, konnte ja vorher keiner ahnen, oder? ODER?!
Kemker Kultuur – Aolt Beer Cassis: Mittlerweile weiß ja jeder was geht, wo das geht, wie das geht, bei wem das geht, wer das säuft, und wie das schmeckt. Bei mir ist es trotzdem immer wieder eine kleine Geschmackssensation, wenn ich Jan Kemkers Sauerbiere probieren darf. Mittlerweile auch fest etabliert als Teil meines Lebens (zumindest so seit 4 Wochen) und wichtiger Bestandteil meines Elitären Gen Z daseins. Fängt hier an auf Natty Schiene (Muss ich einen Post über Naturwein machen?), da ist Reduktion, Schwefel, Eier, das übliche. Unten drunter eine gewissen Säuerlichkeit, aber alles hält sich im Rahmen und macht Bock auf alles, was danach kommt. Paar Minuten im Glas und die Reduktion geht flöten, dann sind da Apfelmost, Cassis, Malz und wieder diese Sauerkeit in Grandioser Manier. Die Säure ist hot shit, das Malz eher verhalten und die Mostigkeit im Vordergrund. Hier gilt für mich auch: Eher Wein als Bier, und das ist auch schön so.
G für Geilheitsgebot.
Chris Alheit – Fire by Night 2023: Wer Weinamlimit kennt, der kennt auch Chris Alheit. Ach was, wer Südafrika kennt, der kennt Chris Alheit, oder sollte es zumindest. Dieser ist ein reinsortiger Chenin aus dem Swartland, Jahrgang 2023, spontanvergoren, dies und das und jenes und dann noch irgendetwas. Nase startet durch mit Mineralik, Kiesel, Würzigkeit und Salz, unten drunter eine Leichtigkeit und Frische, die ich so bisher nur aus Südafrika kenne. Also wirklich. Entweder ist Südafrika das Land der frischen, aber schweren Weißweine, oder die Gegend ist gottlos verseucht mit irgendeinem neumodischen Weinfehler. Parker Style Trinker hassen diesen Trick. Säure ist knackig wie Mettenden und der Wein hat einen Kick, den ich nur als maximal Speicheltreibend und unglaublich juicy bezeichnen kann.
P wie Pfantastisch.
Luciano Sandrone – Langhe Nebbiolo 2018: Nebbiolo! Nebbiolo Yippie! Yippie Nebbiolo! Ich sitze gerade vor meinem Bildschirm, schaue auf meine Verkostungsnotizen aus Köln, und wundere mich, wie ich diese verpacken soll, damit der Text ansatzweise Gaudi macht. Habe ich eine Schreibblockade? Bin ich unkreativ? Nein, ich habe einfach keine Ahnung von diesem Weingut. Natürlich habe ich von Luciano Sandrone gehört und kenne Nebbiolo viel zu gut (beste rote Rebsorte fight me), aber habe null über das hier zu erzählen. Naja, laut Google liegt das Weingut selbst in Barolo. Auf Google Maps sieht man, dass das Weingut nicht mitten in Barolo liegt, sondern ein paar Meter nördlich davon, und eigentlich perfekt in der Mitte zwischen den drei Dörfen La Morra, Castiglione Faletto und Barolo. Im Glas kommt der Wein mit dem typischen Barolo Bukett, Kirschen, Teer, rote Frucht, ein bisschen Würze, aber keine Rosen. Eigentlich nicht sehr beeindruckend, aber trotzdem sehr angenehm und einladend. Die Säure ist hoch, die Tannine sind, wie bei Langhe typisch, eher niedrig und der Trinkfluss so gegeben wie meine Prowein Tickets. Fantastischer Wein all around, ich habe nichts zu bemängeln außer die Rosen, die ich am 14. nicht bekommen habe (echt enttäuschend).
G wie Gewohnheitssorte.
G.D. Vajra – Bricco delle Viole 1996: Über dieses Weingut hingegen kann ich verdammt viel erzählen, ich probiere die gesamte Range nämlich jedes Jahr. Danach frage ich mich immer warum, weil mein Maul so vertrocknet ist, dass ich es weder öffnen noch schließen kann. Außerdem besuchte ich den Schuppen in 2022, durfte Bekanntschaft mit Sophie Vajra, einer Deutschen, machen und bekam eine Flaschen Langhe Bianco ‚Dragon‘ geschenkt. Insgesamt ein äußerst empfehlenswerter Besuch. Drei wichtige Crus besitzt G.D. Vajra im DOCG, Luigi Baudana zähle ich natürlich nicht dazu, welche da wären: Bricco delle Viole, Ravera und Coste di Rose. Bricco delle Viole ist konstant der teuerste und dementsprechend mit Sicherheit auch der wichtigste, but what do I know. In der Nase ist der Wein spürbar älter als der Langhe Nebbiolo davor, obviously, aber nicht komplett überaltert oder maximal tertiär. Hier ist immer noch ein Hauch an Kirschen und anderen roten Früchten hinter einem Vorhang an Teer und Rauch, daneben eine Zigarrenkiste und ein Kasten Zigarettentabak zum selbst Drehen. Wobei, so im Nachhinein klingt das schon ziemlich scheiße, ich will aber ausdrücklich erwähnen, dass es deutlich besser roch als die verrauchte Bude eines Straßenarbeiters nach Schichtende. Säure war präsent aber nicht hoch, ein leichter Moder zieht sich durch den Geschmack, aber insgesamt ist dieser Wein noch sehr trinkbar und ein ziemlicher Hochgenuss.
S wie Scheißgut.
Chateau La Tour Blanche 1990: Sauternes ist einer dieser Süßweine, die mir noch komplett mystisch erscheinen, ein weißer Fleck auf meiner Weltkarte, ein toter Winkel auf meiner Reise Richtung Wein. Ich hatte gefühlt schon alles im Glas und in der Blutbahn; TBA, Eiswein, Tokaji vom Late Harvest bis zum Essenzia, BAs vom Neusiedlersee, aber mein ganzes Leben lang hatte ich nur einen einzigen Sauternes. Einen La Tour Blanche von 2009. Dieser war grandios. Der 1990er ist dagegen einer der wildesten und seltsamsten Süßweine die ich je hatte, und ich tue mich ernsthaft schwer damit ihn einzuordnen in Gut, Schlecht oder Dazwischen. In der Nase wirft mich ein Sturm von frischer Wandfarbe um, direkt rein in eine Konserve süßer Aprikosen und dann in den Honigvorrat des örtlichen Imkers. Dazwischen eine dickliche Süße wie bei Zuckerrübensirup und eine Priese Brioche. Solides Säuregerüst und mehr Trockenfrucht, Honig und Karamell, dazu ein paar Mandeln und ein Mundgefühl, dass auf alle Arten und Weise auf einen vollkommen trockenen Wein hinweist. Der Restzucker schlängelt sich zwischen den Aromen her wie ein Wurm durch den frisch angelegten Komposthaufen. What a wine.
WWW für Wirklich Wilder Wein.
Cheeky. Der Text ist vorbei. Highlights? Overall best war auf jeden Fall der Alheit, qualitativ zumindest. Wie das wohl in reif ist? Am bucketlistigsten war definitiv der Vajra, bisher kannte ich die ganze Range nur in Jung und im Zähne-zerschmetternde-Tannine Modus, also war das mal ein knackiges Erlebnis ohne Dachpappengeschmäcker. Am überraschendsten war, wie zu erwarten, der La Tour Blanche. Einfach komplett wild.
Aber ich will euch nicht länger aufhalten! Schaut immer nach Links und Rechts und nach Oben um nicht von fallenden Kirchturmspitzen getroffen zu werden. Ciao joooo.