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Schaumwein in anders?

Wer mich gut kennt, der kennt auch meine Stärken. Also abseits von Dönerbox und Einsen in der Berufsschule natürlich. Ich selbst würde ja behaupten, dass ich mich durchaus sehr gut mit Riesling auskenne. Nicht so viel wie Menschen, die das Privileg hatten in Wiesbaden die ganze Reihe VDP.GG zu verkosten (one day), oder Leute die jeden Tag ein anderes Weingut besuchen und für Heiner Lobenberg die neuesten Hidden Gems finden, oder wie Leute die einfach mehr für Wein ausgeben als ich. Aber abseits von denen weiß ich enorm viel. Und sonst? Vielleicht Nebbiolo? Also nur Barolo und Barbaresco, und auch nur so zehn Winzer, aber das zählt doch, oder? Zählt das im Internet? Wahrscheinlich nicht, zumindest sobald der erste Post viral geht nicht mehr.

Und weil ich ja so viel Ahnung von Nebbiolo, Barolo, Barbaresco und Barbarossa habe und das Langhe so liebe, wollte ich es mal anders machen. Schäumend, frisch, modern, aus der Reihe tanzend und ganz seltsam. Unkonventionell zumindest. Ein kurzer Post, aber irgendwie muss ich die Quote ja aufrecht erhalten (sagte ich vor einem Jahr auch).

Azienda Agricola Brovia – Anterse Extra Brut

Eine Cuvée aus 50-60% Barbera, 30-40% Nebbiolo und 10% Freisa, 50 Monate auf der Hefe, 1500 bottles produced. Was soll man da erwarten? Die Idee des Weinguts war für diesen ersten Schaumwein ever recht simpel: einen authentischen Schaumwein aus der Langhe zu produzieren. Macht sinn, aber eine Erwartung habe ich jetzt immer noch keine. Tannine? Nein, ist ja weiß gekeltert. Rosen, Teer und Kirschen? Maybe? Dann vielleicht… ja kein Plan Leute, wie soll so etwas schmecken? Must-Haves beim Schaumwein waren für mich ja immer Hefe, Brioche, Hefe, Brot, Hefe und Zitrus. Darauf stütze ich mich jetzt.

Die Nase ist interessant, aber nicht sehr facettenreich. Fruchtig vor allem, tropisch, da ist Ananas, ein bisschen Mango und so etwas wie Maracuja, aber Hefe, Brioche, Zitrus oder eine gewisse Tiefe bleiben fast komplett aus. Im Geschmack ist es ähnlich, tropisch, fruchtig, vielleicht ein bisschen grün-grasig und mit ein wenig Frische, aber wieder kaum Vielschichtigkeit oder Tiefe. Nicht sehr interessant um ehrlich zu sein, ein bisschen flach sogar. Die Säure ist auf jeden Fall hoch, aber das hilft auch nicht, wenn der Wein fast keine Bubbles hat. Vielleicht eine schlechte Flasche? Oder ein schlechter Wein. 43,65€ bzw. 48,50€ bei unserem Lieblingsheiner, keine Empfehlung. 🙁

Vietti – Langhe Freisa

Freisa ist eine dieser Rebsorten, die ich zwar kenne, oft sehe, von denen ich oft höre und die von gefühlt dem ganzen Freundeskreis rauf und runter zelebriert werden, die mir aber gänzlich unbekannt sind. Bis auf einen kurzen, fast versehentlichen Abstecher in das Piemont auf der ProWein 2024 habe ich diese Rebsorte auch schlichtweg noch nie probiert. Also wirklich noch NIE.

Die Herstellung dieses Schimmelsaftgetränks ist für mich allerdings Grund genug gewesen, eine Flasche zu kaufen und dieses Wundergetränk zu probieren, denn: Bei der Lese werden die Trauben entrappt und eingemaischt, allerdings werden nur knapp 50% der Maische durch den gewöhnlichen Prozess für Rotwein™ geschickt, die anderen 50% werden wahrlich und wahrhaftig eingefroren. Die ungefrorene Maische macht eine sogenannte Maceration Carbonique (Ganztraubengärung) im Edelstahl, und wird nach Ende der Gärung ins Holzfass geballert. Sobald fertig kommt der gefrorene Most hinzu, und zusammen wird der Stoff ungefiltert in die Flasche geknallt. Es handelt sich hierbei also fast um einen halben Pet Nat.

Rote Farbe, bisschen wie Blut, oder wie Rosen, oder wie blutige Rosen. Sieht gut aus, damit würde ich meine Wände streichen, wenn ich Dinge zu verbergen hätte. Die Nase ist dann recht fruchtig, ein wenig schwefelig, ein bisschen staubig. Hauptsächlich rotfruchtig, würde ich sagen, und sehr frisch. Im Geschmack schwirrt dann sehr sanftes, sehr leichtes Tannin umher, SEHR hohe Säure und natürlich der Beitrags-namensgebende Schaum. Naja, kein richtiger Schaum, eher eine Kohlensäure wie bei Saskia Mineralwasser mit Level Medium. Faszinierend. Lecker. Faszinierend, lecker und sehr gut. 18,80€ bzw. 16,92€ bei Heiner Lobenberg – Big recommend.

 

Braida – Brachetto d’Acqui

Brachetto hingegen ist so eine Rebsorte, die ich jetzt gerade erst entdeckt habe, eine von der ich noch nie etwas gehört habe, und auch eine, die in meinem Freundeskreis eher wenig Anklang findet. Recherchen darüber haben mir allerdings ein sehr genaues Bild gezeichnet, denn unter den gängigen Synonymen für Bracchetto findet man unter anderem „Moscato Nero“, also „schwarzer Moscato“. Das zusammen mit dem Alkohol (5,5%) und dem angeblichen Restzucker von 172 (EINHUNDERTZWEIUNDSIEBZIG!) Gramm je Liter lässt mich erwarten, dass es sich beim Mordormuskateller um eine Art Moscato d’Asti mit neuer Wandfarbe handelt.

Und damit hatte ich recht. Der Wein ist gut, don’t get me wrong, aber was ist der catch? Nur der Name? Nur die Farbe? Die nase ist traubig, gelbfruchtig, frisch, süßlich, sehr einladend. Dann die Säure hoch, mit typischem Moscato d’Asti-Prickeln, eindeutig süßem Geschmack ohne zu Syrup zu werden und weiterhin gelblicher Traubenfrucht. Das einzige, was mich hieran nicht an Viettis Moscato d’Asti erinnert ist womöglich ein weit entfernter Anklang an Erdbeerkaugummi, sonst nichts. Aber der Wein ist lecker und einen ganzen Euro günstiger als der gängige Moscato d’Asti von Vietti, also kaufenswert. Außerdem ein guter Trick bei Blindtastings, wenn man definitiv gewinnen will. 13,50€ bzw. 12,15€ Fette Kaufempfehlung.

2 Antworten

  1. Freisa kann so schön sein und es kann wirklich die ganze Breitseite von leicht, fruchtig, süffig bis dunkel, kraftvoll, röstig + Graphit. Gerade Cavallotto macht grandiosen Freisa. Und leicht, hellfruchtig, beschwingt geht auch mit etwas sexy Gerbstoff bei Grignolino 🙂

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