Jeder hat diesen einen Ort, den er in seinem Leben unbedingt noch mal sehen möchte. Jeder hat diese Bucketlist, die er abhaken möchte. Jemand will Mount Rushmore sehen, ein anderer will zum Eiffelturm, noch jemand will zumindest ein Mal im Leben die Bonner Pissrinne bewundern, beschnuppern und schmecken. Hmmm, Yummy. Ich wollte den Scharzhofberg sehen. Gesagt, getan.
Der Scharzhofberg ist wie ein Mythos. Er ist der Berg, der den teuersten Weißwein aller Zeiten (debartierbar) hervorbrachte, er ist ein Berg der seinem Ruf vorauseilt. Ein Berg, der so unspektakulär aussieht, wie kaum einer an der Mosel, doch so interessant ist, wie nur die wenigsten. Er ist der beste Weinberg Deutschlands, auch wenn er kostenmäßig nur den Platz 2 einnehmen kann, peinlich.
Der teuerste Weinberg Deutschlands, und das schon seit vielen Jahren, ist der Bernkasteler Doctor in Bernkastel-Kues. Darüber kann man sich sicherlich streiten, aber das macht genau so viel, wenig und durchschnittlich bemessenen Sinn, wie sich auf die Politikdiskussionen betrunkener Onkels auf Familienfeiern einzulassen. Fakt ist, dass sich in beiden dieser Weinberge seit Jahrzehnten kaum etwas getan hat. Der Bernkasteler Doctor wird gelegentlich „neu“verpachtet, dann aber für gewöhnlich wieder an den gleichen Pächter, nur für einen anderen Preis, und der Scharzhofberg… tja keine Ahnung, wann da das letzte Mal ein neuer Winzer ein-, aus und umgestiegen ist.
Von den Hügeln
Von Hövel (alter ostwestfälischer Dialekt für „Von den Hügeln“), ist eines dieser ewigen Scharzhofberg-Weingüter. 1803 kaufte die Gen One, Emmerich Grach, das ehemalige St. Maximin Kloster samt dem sagenumwobenen Scharzhofberg und der Monopollage Hütte in Oberemmel an der Saar. Heute regiert die siebte Generation. Zusammen mit der Unterstützung von Paul Truszkowski (Betriebsleiter seit Februar 2025) macht Max von Kunow in seinem klitzekleinen Domizil einige der klarsten, modernsten und eigenständigsten Rieslinge Deutschlands, und fliegt damit konstant unter dem Radar. Heute baut Max rund 20 Hektar Riesling und Weißburgunder um Oberemmel und Konz an. So jedenfalls das wichtigste in kürzester Fassung.
Im Mai diesen Jahres war ich selbst bei Max, habe ihn besucht, seinen Wein getrunken, seine Weinberge begafft und den ein oder anderen Stein aus dem Scharzhofberg geklaut. Über die Weine möchte ich heute sprechen. Die aus dem Scharzhofberg. Unter anderem.
JAAAAA? JA-GÄNGE!
2024 vs. 2023 – Tja ja, 2024. Rundum beschissenes Wetter; Frost, Hagel, Regen, Erst Heiß, dann eiskalt, dann heiß, dann wieder kalt, dann wieder Regen, Sturm, Gewitter, wieder Hagel, es nahm kein Ende. 80% Verlust. Punkt. Mehr braucht man nicht sagen. So war es bei Max, und damit ist er noch verhältnismäßig glimpflich davongekommen. Maximin Grünhaus hat knapp 90% verloren, für den neuen Jahrgang mussten da die alten Gutsreserven angegriffen werden, ein wenig Altbestand an den Mann bringen, 2018 wieder salonfähig machen und so. Und bei manchen ist nicht nur die Quantität eingebrochen, sondern auch die Qualität eifrig zum örtlichen Flötenkonzert geschlichen. Gut Hermannsberg war so eines, da sind zwei Drittel des Erntematerials ausgefallen, und 95% der Qualität, einfach weg. Drei Gutsweine gab es aus 2024.
In Oberemmel war es nicht ansatzweise so schlimm wie bei manchen Kollegen an der Nahe oder vereinzelten Betrieben an der Mosel. Die Quantität ist runter, die Qualität hoch. Qualität hoch. Ja, hoch. Im Vergleich zu 2023 ist der aktuelle Jahrgang, so zumindest im Gutswein, Kabinett und Spätlese Bereich, um Welten besser. Mehr phenolische Dichte, mehr Frucht, mehr Balance. Die meisten der Weine sind deutlich Säuregetriebener als die 23er, deutlich karger wenn man so will, ohne dabei an Reife, Tiefe oder Dichte abzubauen. Wenn ich raten müsste ist The Big 24 bei Von Hövel ein bisschen wie 2021, allerdings mit einem Schwank weniger Säure und einem klitzekleinen Hauch mehr Fülle. Beide sind on par, sowieso, einen Favoriten habe ich nicht. Um einen richtigen Jahrgangsbericht zu schreiben müsste ich natürlich ein Mal aktiv durch den elementaren Grundstein dieses Ewig riesigen Sortiments probieren und mich aktiv darauf fokussieren. Das habe ich ein Mal getan, auf der Prowein 2025, und daran erinnere ich mich leider kaum. Naja, dann muss das hier eben reichen.
Kabi-total-nett und GG Well Played
Zwei Weine vom Scharzhofberg sind mir wichtig. Die anderen sind nicht weniger interessant, allerdings leide ich hier unter einem riesigen Handicap: dass ich nur so wenige Scharzhofberger probiert habe, und soooo viele Hütten. Echt ein Armutszeugnis. Darf ich mich überhaupt Weinkenner schimpfen, wenn ich noch keine 30 Jahrgänge Scharzhofberg probiert habe? Je Winzer, versteht sich?
Nein, eigentlich sollte jeder, der irgendwas wissen will jeden erdenklichen Wein aus jedem Weinberg der Mosel getrunken haben, jeden Stein umgedreht, jede Schüppe Dreck analysiert und jeden Pfosten abgeleckt haben. Wie willst du sonst dein Terroir kennenlernen? Aber mal Spaß beiseite, ich muss auch ein wenig Dankbarkeit zeigen, wenn ich diesen Text schon so lang hinaus gezögert habe, und dann auch noch so uninspiriert nur ein paar Weine und Jahrgänge beschreibe. Ich glaube, ich habe es schon einige Male erwähnt, aber im Mai schickten mir Paul und Max ganze 12 Flaschen Wein, Gutswein, Ortswein, jung und reif, trocken und süß. Bis hin zum 2017er Scharzhofberg GG, und ich bilde mir wirklich immer noch ein, dass das nicht selbstverständlich ist. Und ich fühle mich fast schlecht, weil ich diesen Blogbeitrag so lang hinaus gezögert habe, ganz besonders, nachdem Max nicht weniger als drei Stunden seiner kostbaren Freizeit geopfert hat, um mir alles zu zeigen, und zu erklären. Schande über mich. Wirklich.
Scharzhofberger Kabinett 2016 und das oben genannte 17er GG. Solche Weine trinkt man selten. Ich kann keinen Vergleich zum 21er oder 24er oder 23er oder 1969er Kabi machen, ich habe nur den 16er probiert, und er war grandios. Vielleicht kann ich ihn mit der Hütte vergleichen? Mit 21? Oder mit 24? Die waren klar, vibrierend, frisch und schlank, messerscharf in der Frucht, ein Gefühl wie ein frischer Gebirgsbach der seinen Weg durch eine Fallobstwiese bahnt. 24 war reifer mit mehr Frucht, 21 war karger und rougher, beide waren Weltklasse. Aber der Scharzhofberger war anders, besser.
Die Nase fängt ein bisschen reif an, nur ein wenig angereift, nussig, blutorangig, daneben zitronig, apfelig und birnig, ig, ig und ig. Die Nase war so voll, dass es nur noch Stehplätze gab und die Frucht so klar, dass man dadurch die Pickel auf der Stirn seines Nachbarn sehen kann. Der Nachbar der zweihundert Meter entfernt wohnt. Und darüber legt sich eine Mineralik, ganz leicht, wie frisch aufgeschüttete Kieselsteine und ein frischer Sack Zement. Spektakulär. Dann ein von Reife unterstütztes und getragenes, aber keineswegs geprägtes Geschmacksprofil, wieder mit dieser klaren, brillanten Frucht und dieser perfekten Geradlinigkeit. Die Säure ist hoch, vielleicht nicht ganz hoch genug, aber perfekt dastehend und großartig ausbalanciert. 98 Punkte?
Und dann das GG. 2017. Karger, schlanker und laser-artiger als der Kabi, der wirkte gegen das GG fast schon sloppy. Aber klar, ist ja auch eine ganz andere Art und Güteklasse von Wein. Das GG ist in der Nase eine Verkörperung von Saar, leicht doch intensiv, strahlend, geprägt von Zitrus und Mineralität, daneben eine kleine Blumenwiese. Die Saar ist für mich immer so karg, so schroff, wie eine kleine Eigernordwand im Glas, kühl wenn nicht sogar kalt. Steinigkeit trifft auf Salz trifft auf frische, vielleicht sogar leicht unreife Frucht. Die Säure war hier trotz der acht Jahre Reife brachial am Start, extrem präsent, und Reife zeigte sich noch kaum. Also wirklich kaum, vielleicht war der Wein ein bisschen runder als noch vor 5 oder 6 Jahren, aber wie kann ich das wissen? Ein junges GG zum Vergleich habe ich leider nicht probieren können. Seis drum. Dieser Wein brilliert.
Ich will die Monopollage, die Oberemmler Hütte nicht schmälern indem ich den Scharzhofberg zu weit in den Himmel lobe, beide Weinberge sind für mich etwas ganz besonderes, beide sind alt, 1000 und noch mehr Jahre stehen sie da schon in der Landschaft der Saar, und mitten in Europa. Wenn man auf der Hütte steht und den Weinberg hinab schaut sieht man einen Wald, im Norden, im Westen, im Osten. Fast unberührtes Land, wenn man die Landstraße am Fuße der Hütte nicht beachtet. Der Wald wirkt dicht, unberührt und fast uralt, nur die gelegentlichen Weinberge in den Hängen nehmen einem die Illusion, dass man hier in einem alten Fantasy Setting steht. Wunderschön. Und der Scharzhofberg? Der ist vielleicht imposanter, steigt rasanter in die Höhe und ist steiler, ist aber auch offener, weniger versteckt und weniger heimlich, aber er ist trotzdem der Berg den ich schon immer sehen wollte, den ich schon immer interessant fand, lang bevor ich die Hütte überhaupt kannte. Komisch, aber manchmal sind die Dinge komisch.
Meinen größten Dank an Max von Kunow und Paul Truszkowski für die Möglichkeit, diese Weine zu verkosten, und das Weingut besuchen zu dürfen. An alle anderen: Danke für eure Aufmerksamkeit, ich hoffe es hat gefallen. Bis bald.
Mein Scharzhofberg-Wahn begann mit diesem Video!