Feiertagslineup

New Year, same old SCHEISS DRAUF

Das letzte Jahr ist vorüber, und trotz mehrfacher Prophezeiung eines dritten Weltkriegs, des Weltuntergangs, einer weltweiten Prohibition von Alk und dem Verbot von guter Laune, ist alles beim Alten. Die Welt dreht sich weiter, meine Stimmung ist immer noch auf der Spitze des Mont Blanc, 2025 war mein bestes Jahr und die Ausbildung läuft auch. Mein Finanzieller Status hat sich desweiteren nicht verändert, ich bin noch immer ein armer Schlucker ohne Kohle und in den letzten drei Monaten war ich dazu in der Lage genau eine Flasche Wein zu kaufen. Egal, habe ich alles eh schon vierundsiebzig Mal erzählt, wird Zeit für Veränderung. Die Ausbildung ist in genau einem Jahr vorbei, in Geisenheim bin ich in weniger als zwei Jahren, die Prowein rückt näher und ich fühle mich fresh als hätte ich in Minze gebadet. Leben ist gut, also brauche ich mich auch nicht beschweren. 

Gut Hermannsberg – Vom Vulkan 2023: Ein Ortswein aus dem schaurig beschaulichen Ort Schlossböckelheim an der Nahe. Eine Region die für mich sentimental as fuck ist, die Nahe. Das Weingut sitzt auch arschritzentief in meinem Gewissen, auch wenn ich vor fast vier Jahren das letzte Mal da war. Damals als ich wie ein vollkommen bekloppter mit dem Fahrrad und bei sintflutartigen Regenmassen von Meddersheim nach Niederhausen gefahren bin, alles um Gut Hermannsberg zu saufen. Siebzehn Kilometer, und dann hätte es auch gereicht, aber stattdessen bin ich aus reiner Hungersnot heraus nach Bad Kreuznach gefahren um mir beim lokalen KFC den Wanst voll zu stopfen. Dann gings aber zurück. 60 Kilometer waren das. Scheiße, und alles im Regen. Mittlerweile ist das aber eine meiner wichtigsten Erinnerungen.

Der Wein stammt zu 100% aus Großen Lagen im Ort Schlossböckelheim, wobei die Trauben hier tendenziell nur aus jungen Rebanlagen stammen. Wie der Name „Vom Vulkan“ andeutet stehen diese Reben hauptsächlich auf vulkanischen Schieferböden. Die Nase ist klassisch Nahe Riesling, Mineralisch, Zitrisch, reif, bisschen dieses bisschen jenes. Säure ist hoch, Mineralik ist da, das Paket ist geschnürt, Abfahrt. Die Nahe ist die wichtigste Region für meine Bildung, die Nahe ist andernfalls aber trotzdem die beste Region. Prost.

Weingut Greiner – Gutedel Steinkreuz 2023: Kompletter 180 vom Riesling, der Wein kommt aus dem Markgräfler Land. Klar, wo sollte der Gutedel auch sonst herkommen. Anderswo würde er Chasselas heißen, oder man würde stattdessen Chardonnay oder Pinot Blanc pflanzen. Aber der Gutedel ist schon auch unique, und indentitärer Teil Südbadens. Das Weingut liegt am Fuße des Hochblauens, ein voralpiner Berg, mit Bäumen, Steinen, einem Blauen Fernsehturm, und allem was dazu gehört. Von da kommen Föhnwinde und milde Wetterbedingungen. Dreißig Minuten entfernt liegt Basel, südlich davon sind die Alpen, und auf Google Maps sieht die Gegend wirklich ungewöhnlich märchenhaft aus. Die Trauben für diesen Wein stammen alle aus dem Obereggener Sonnenstück und stehen auf ca. 390 Meter Höhe, also fast 100 Meter höher als der größte Berg in meiner Heimat, wild. Die Nase ist erst reduktiv, danach fruchtig, blumig, fresh. Die Säure ist hoch, der Flow geschmeidig, was will man mehr. Sehr geil.

Villa Monrepos – Riesling Kabinett 2024: Der Rheingau schreit nach neuen Trends und modernen Methoden, weg vom alten immergleichen Rhythmus. Der Rheingau schreit aber auch nach Geisenheim, dem Zentrum der deutschen Weinbildung und eine Bastion des Weinfortschritts inmitten eines festgefrorenen Abschnitts des Rheins. Hier passiert in Versuchskellern, Laboren, modernsten Produktionsapparaten, Gewächshäusern, Weinbergen, dunkeln Ecken und heruntergekommenen Studentenbuden das neueste, was Technologie hergibt. Die Schule hat eigene Weinberge und Versuchsanlagen und experimentiert mit allen erdenklichen Rebsorten, die der Rheingau realisieren kann, und weil sich der Scheiß nicht von allein finanziert wird auch Wein für die Welt gemacht. Unter dem Namen Villa Monrepos, dem ehemaligen Gründungshaus der Schule. 

Der Kabinett ist classic, fruchtige Nase mit einem leichten Schwefeltouch, dazu frisch gemähtes, Blumen und Fallobst. Das übliche, Kabinett in Reinform, wenn es jemand können muss, dann ja eigentlich die WeinbauuniversitätTM. Das Weingut der HS Geisenheim ist Teil des VDP, und der Wein ist sonderbar günstig. 9€ kostet der Kabinett. Rein da!

New Year same old SCHEISS DRAUF

Neujahrsvorsätze sind fürn Arsch. Habe ich nicht gemacht, bin nicht dazu gekommen. Vielleicht war ich auch zu faul, mir echte Gedanken zu machen. Post-Jahreswechsel darf man das nicht mehr, richtig? Ich scheiße eh drauf, am Ende mache ich es wieder wie letztes Jahr. Mein einziges Ziel ist, dass es noch besser wird, noch erfolgreicher, dass ich noch mehr so großartige Menschen kennenlernen kann, wie die, die sich in den letzten Monaten in mein Leben gebohrt haben. 

Meine Ziele im neuen Jahr sind oberflächlig wie eh und je. Regelmäßig im Fitnesstudio landen, gute Noten in der Schule schreiben, eine exzellente, hoffentlich fehlerfreie, Zwischenprüfung ablegen, vielleicht die tausend Follower auf Insta knacken oder mal meinen Content aufbessern. Vielleicht mal regelmäßiger posten? Auf der Website und auf Insta? Klappt sicher eh nicht, so why try? Mein wichtigstes Ziel, wichtiger als jede getrunkene Weinflasche oder jeder neu kennengelernte Wine Buddy, ist aber die Ausbildung zu beenden. Im November/Dezember, so um den Dreh. Hoffenltich mit 1er Schnitt, sonst mit einer 2, auch gut. 

Aber was mache ich beyond that, abseits vom ganzen self conscious Lari Fari mitsamt weniger (mehr) Alkohol, normalem Schlafzyklus und gesunder Ernährung? First things first, dieses Jahr muss ich den Sommer ausnutzen, vor die Tür gehen sobald es warm wird, die Welt in Grün sehen, anstatt immer nur von der Arbeit im Lager zu kommen und dann in einem dunklen Zimmer vor einem viel-zu-teuren PC zu sitzen. Ich will rausgehen, Sport machen, den Marathon schon vor der Quarterlife Crisis abhaken. Dann würde ich gern an meinen Foto Skills arbeiten, mehr Landschaften fotografieren, mehr Städte. Einfach mal rausgehen mit dem Ding, anstatt nur Weinflaschen vors Objektiv zu halten und damit half-assed Insta Fotos zu machen. Vielleicht mal Videos damit machen? Mich auf Colour Grading konzentrieren? Vielleicht ist das Mal ne Motivation auf mehr Wochenendtripps und Kurzreisen zu gehen und die Hidden Gems meiner eigenen Heimat zu entdecken. Und im gleichen Sinne würde ich gern das erkunden, was direkt vor meiner Haustür liegt. Die Leute in meiner Region kennenlernen, People watching und so. Das wird. Hier mal in die Kneipe, da in die Bar, auf ein Konzert oder Festival. Meinen Horizont erweitern halt. Ich werde berichten.

Georg Lingenfelder – Spätburgunder 2023: Georg ist mein neuer Weindiktator. Seit ich im November sechs Flaschen des aktuellen Jahrgangs in den Rachen geschoben bekommen habe, bin ich Untertan. Die Weine sind leckerschmecker, der Typ antwortet auf jede Nachricht, und er ist allround ein korrekter Macher. Macher der gute Weine macht. Danke Macher. Und danke fürs Paket noch mal. Ob 2023 das perfekte Jahr war weiß ich nicht, auf was für Böden der Wein gewachsen ist weiß ich nicht, ob Georg beim Etiketten-Malen wirklich zwei Münder hat posieren lassen sei mal dahin gestellt. Die Nase öffnet beerig, rotfruchtig und dann ein wenig waldig. Waldboden, Blätter, der alte Schnickschnack. Sehr fruchtiger alter Schnickschnack. Die Farbe ist classic Pinot, Säure hoch, Saftigkeit on point. Trinkt sich zackig und gibt mir mehr Leben als die meisten Sportgetränke.

Dievole – Vigna Sessina Gran Selezione 2019: An diesen Wein bin ich nur durch meine Contribution im Schluck-Magazin gekommen, sonst würde ich so etwas nicht kaufen. 45€ für einen Chianti Classico hinzuwetzen ist mir am Ende meistens doch zu viel. Die Farbe kommt hellrot aber undurchsichtig, sichtbare Reife in den Randgebieten meines Zalto-Tümpels, auch in der Nase. Da ist ein bisschen Leder, ein bisschen Raucherbereich im Club, dahinter eine Andeutung von Moderne, aber insgesamt alt, eingefahren, ein wenig langweilig. Eventuell ein guter Wein, wirkte auf mich aber deutlich überreif. Was da wohl passiert ist?

Weingut Künstler – Hochheimer Hölle Riesling Auslese Goldkapsel 2010: Nicht der längste Name, den ich je getrunken habe, but it’s up there. 2010 war ein Brecher Jahr, damals wurde es fast als schlecht in die Geschichtsbücher geschrieben, ist mit der Zeit aber deutlich zurück gekommen. Das ist Flasche 3/3. Nummer 1 war mit Abstand die beste, die hatte knisternd knatternde Säure und crunchy Weinstein im Abgang, perfekt ausbalanciert. Die hier nicht so ganz, die Säure fehlt mir ein wenig, und den schier Glühwein gleichenden Mengen an Zucker fehlt dadurch eindeutig die Balance. Aber sonst gut. Ein gebührendes Ende für 2025, und ein brutaler Einstieg um Sechs Uhr am Neujahrstag. Schlaf wird überbewertet. Und damit Prost. 

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Die Weine vom Ende der Welt. 2025 ist over, long live 2026.
Neues Format? Joa ich denke schon. Ein Mal pro Monat zwinge ich mich zu recherchieren und nach zu denken, was sinnvolles zu machen und mich selbst cool darzustellen. Heute: Assyrtiko und Xinomavro.
Teil 1 meiner Köln-Bonn-Irgendwo Reise

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